Daniel Drepper

Kaum Recherche im Sport

Zum Sportjournalismus gibt es fast nichts: Ich sitze im Zug nach Hamburg, heute und morgen treffen sich bei der Jahreskonferenz des netzwerk recherche hunderte Journalisten zu kritischen Diskussionen, Workshops, Vorträgen; 150 Veranstaltungen an zwei Tagen. Personen statt Inhalte in der Politik, zu wenig Atom-Experten, Wirtschaftsjournalismus in der Krise – aber Sportjournalisten sind (fast) nur als Zuschauer dabei.

“Killing Soccer in Africa” ist die einzige Sport-Veranstaltung der Konferenz. Eric Mwamba Jibikilay erzählt, warum Afrikas Stadien leer bleiben und wer vom Fußball in Afrika profitiert. Die Recherchen unterstützten 38 Journalisten aus acht afrikanischen Ländern. Jibikilays Geschichte ist bei der Tagung ein Beispiel für transnationale Recherchen – dass es sportjournalistisch ist, dürfte Zufall sein.

Im Vorstand des netzwerk recherche sitzt meines Wissens kein einziger Sportjournalist. So gut wie nie gibt es sportjournalistische Weiterbildungen. Eine Podiumsdiskussion des netzwerk recherche (“…nur dass die Hure zahlt”) war zuletzt nicht uninteressant, ging aber auf den Kern der sportjournalistischen Probleme nicht ein, klammerte sich viel zu sehr an das leidige Thema der Fernsehrechte.

Dabei ist der Sportjournalismus in Sachen Recherche ein besonders schlechtes Beispiel – und könnte eigene Seminare sehr gut gebrauchen. (Im Übrigen gibt es auch vergleichsweise wenig spezielle Stipendien und Preise für Sportjournalisten.)

Lernen kann ich auch von Veranstaltungen für Politik-, Wirtschafts- und Wissenschaftsjournalisten; die meisten Tipps kann ich auf den Sport übertragen. Wenn Workshops speziell zu Sportthemen angeboten werden, ist das aber noch einmal etwas ganz anderes.

Die erste und bislang einzige Konferenz des Sportnetzwerks in Dortmund ist mittlerweile mehr als drei Jahre her. Eine Wiederholung hat nicht geklappt, was sehr schade ist. Mir hat die Konferenz damals einen großen Schub gegeben. Und sie hat mich davon abgehalten, dem Verband Deutscher Sportjournalisten beizutreten, der freundlich gesagt eher recherchunverdächtig ist.

Im Oktober fahre ich zur Konferenz “Play the Game” nach Köln. Wer sich für kritischen Sportjournalismus interessiert, dem kann ich nur empfehlen, sich die vier Tage ebenfalls zu geben. Der Deutschlandfunk bietet zusätzlich ein eintägiges Seminar zur Sportpolitik an.

Auffällig ist, dass Sportjournalisten Recherchtechniken, die in anderen Berufszweigen Alltag sind, selten einsetzen. Dazu gehört unter anderem der Einsatz des Informationsfreiheitsgesetzes. Ich finde, dass gerade Sportjournalisten ein Besuch von Veranstaltungen wie der nr-Konferenz sehr gut tun würde.

  1. 5. Juli 2011 - Antworten

    Sportjournalisten sind halt zunehmend Berichterstatter und Verkäufer für das Produkt “Sport” in Personalunion. Da ist es nur logisch, dass der Journalist nicht an dem Ast sägt, auf dem er sitzt.
    Beispiele gibt es nicht nur bei RTL und den Boxkämpfen. Die Schluß- und Halbzeitreportagen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden ja inzwischen immer mehr zum Kult im eigenen Haus erhoben. Da bejubelt man sich selber und die Spiele. Sollten die mal zu schlecht sein, dann findet sich schnell ein anderes Thema, was die Leute an das Medium fesseln soll…

  2. 6. Juli 2011 - Antworten

    Und gibts nen Lösungsansatz? Vielleicht Präsentatoren, Moderatoren und Unterhalter trennen von den Journalisten? Unkritisch hier, kritisch dort – und das dann klar kennzeichnen?

  3. 14. Juli 2011 - Antworten

    Das wäre vielleicht eine Möglichkeit.
    Man verlangt ja auch nicht vom Zirkusdirektor, dass er bei der Vorstellung die Tierhaltung des Tiegers kritisiert. Unter Umstäden muß man sich damit abfinden, dass solche Aufgaben von externen Journalisten wahrgenommen würde. Berichterstatter aus einem Haus, welches für Übertgragungsrechte bezahlen muss, können per se nicht unabhängig sein.
    Aber das hat sich noch nicht bis zum Konsumentern rumgesprochen und passt wohl auch nicht zum Selbstverständnis vieler Journalisten.

  4. 16. Juli 2011 - Antworten

    Ich habe mit einem Freund drüber diskutiert. Pro: Unabhängigkeit. Kontra: Jedes Mal neu in ein Thema einarbeiten. Finde ich, Beispiel David Crawford, Europa-Korrespondent des Wall Street Journal, nicht die schlechteste Alternative. Grundvoraussetzung: Die Sender-/Verlagsverantwortlichen müssen das wollen. Oder man zieht selbst Projekte auf, zum Beispiel im Netz. Das sind dann aber nur kleine Nadelstiche.

  5. 16. April 2012 - Antworten

    […] Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche. Nachdem ich im letzten Jahr noch enttäuscht war, dass es nichts zum Sportjournalismus gab, ist diesmal alles anders. Einer der Schwerpunkte der Konferenz ist der Sport. Da ich ein bisschen […]