Die geilste Zeit, um Journalist zu werden

Die Zeitschrift „journalist“ gibt in ihrer aktuellen Ausgabe 25 Antworten auf 25 Fragen zur Medienbranche. Ich durfte für den „journalist“ aufschreiben, warum im Moment die geilste Zeit ist, um Journalist zu werden.

Es ist die geilste Zeit, um Journalist zu werden, weil es endlich um Journalismus geht. Volker Kauders Rede mitschreiben? Braucht niemand, verbreitet die CDU selbst. Sportergebnisse in Texte fließen lassen? Übernehmen bald überall Computer. Natürlich gehen dadurch Jobs verloren, aber die gute Nachricht: Das langweilige fällt weg, konzentrieren wir uns auf das geile Zeug.

Das ganze Land gründet Recherche-Ressorts. Chefredakteure sehen, dass sie eigene Inhalte brauchen, um nicht unterzugehen. Themen einordnen, selbst recherchieren, den Schwachen eine Stimme geben und den Mächtigen auf die Finger schauen – genau das ist es doch, warum wir Journalist sein wollen.

Wir als Autoren zählen mehr als je zuvor. Ich bin kein gesichtsloser Teil eines Molochs, ich bin frei. Menschen folgen uns auf Twitter, weil sie sich für uns und unsere Texte interessieren. Wir kommunizieren mit unserem Publikum in Dortmund, Zehdenick oder New York; vom Schreibtisch aus dem Zug oder vom Sofa aus. Wir recherchieren gemeinsam für unterschiedlichste Medien, werfen unser Können in einen Topf. Wir reden nächtelang darüber, was möglich ist, was wir ändern wollen.

Ich sehe Blogs, die sich selbst finanzieren; ich sehe Stiftungen, die geilen Journalismus möglich machen; ich sehe e-Publishing. Ich sehe News-Applikationen; ich sehe Audio-Slideshows und ich sehe nicht-lineares Storytelling.

Ich will Programmierer verstehen. Ich will Daten analysieren und visualisieren. Ich will mich austoben. Wir können alles machen, wir müssen nur anpacken.

Es ist eine geile Zeit, weil wir die Chance haben, einen neuen Journalismus mitzugestalten. Einen Journalismus, der es wert ist, Journalismus genannt zu werden.

Möchte jemand widersprechen? Ich freue mich – wie immer – auf Diskussionen.

Den „journalist“ gibt es hier zu kaufen.

18 Responses to Die geilste Zeit, um Journalist zu werden

  1. Jolie sagt: Antworten

    Nebenbei fit machen für den Zweitberuf! Denn wenn du nicht wirklich gut und wirklich schnell bist, werden wir dir deine Aufträge wegnehmen. Einige von uns werden nachts und nach Feierabend gegen dich antreten, und zwar auch ohne Bezahlung und Gegenleistung. Es ist die geilste Zeit, um Journalist zu werden – aber nicht als bezahlter Beruf, sondern als Grundeinstellung. Wir werden viele sein! Dein Leben als Journalist wird eine nicht enden wollende Casting-Show sein. Schreib schneller, veröffentliche mehr!

    • Recherchiere in Ruhe, veröffentliche besser. Und nutze es, dass alle veröffentlichen, um den Journalismus besser zu machen. Journalismus ist auf dem Weg, besser zu werden. Tiefer, offener, härter – weil er überprüfbar ist. Er muss besser werden – genau wegen der von Dir genannten Gründe. Das ist anstrengend, aber das ist auch gut.

  2. Ich kann nur voll und ganz zustimmen: Sicherlich, die Zeiten sind gerade unsicher, keiner weiß, wie die Medienlandschaft in zwei, fünf, zehn Jahren aussehen wird, wie viele Zeitungen bis dahin noch pleite gehen, ob schlaue Einnahmequellen fürs Internet gefunden sind, wie die Menschen Fernsehen und Radio nutzen. Aber wir können – wie du auch so treffend gesagt hast – miterleben und mitgestalten, wie sich Medien entwickeln, wie Geschichten erzählt und Informationen verbreitet werden. Und bei einem bin ich mir ganz sicher: Journalismus wird es immer geben – und damit auch einen Platz für gute Journalisten.

  3. Pingback: Neues aus dem Abfall, 7. Januar 2013 | Hendryk Schäfer

  4. Moki sagt: Antworten

    Die geilste Zeit, Journalist zu werden, wären da nicht die Verlagshäuser, die lieber sparen, sparen, sparen statt die Zeichen der Zeit zu erkennen, auf online zu setzen, auf offene Diskussion mit den Lesern zu setzen und auf eigene Geschichten zu setzen, statt Agentursuppe anzurühren. Wo sind denn die Verlage, die Rechercheredaktionen gründen? Ich würde mich gern bewerben.

  5. Ich bin seid über 20 Jahren (Print-)Journalist – und ja, ich stimme voll und ganz zu: Es ist die geilste Zeit, um Journalist zu werden. Nur leider nicht die geilste Zeit, um kurzfristig unter die wärmenden Fittiche eines Verlages zu schlüpfen und als Edelfeder im Elfenbeinturm richtig Kohle zu scheffeln.

    Es ist aber eine extrem geile Zeit, um sich auszuprobieren, um zu lernen, um kreativ zu sein und eigene Projekte zu starten. Noch vor 10 Jahren haben wir in unseren Redaktionen gerne gesagt: „Irgendwann wollen wir mal unser eigenes Magazin machen“ – und dabei immer an Print gedacht. Doch sowas ist für einen Journalisten kaum finanzierbar.

    Mit kostenlosen Werkzeugen wie WordPress, sozialen Medien wie Facebook und Twitter und Webhostern, die nur ein paar Cent verlangen, können wir alle endlich unsere eigenen Projekte machen. Das ist nicht unbedingt einfach, das regelmäßige Gehalt bzw. die „Monetarisierung“ fehlt häufig. Deshalb muss man kreativ werden und seine „Lousy Pennies“ eben hart erarbeiten und auch mal was querfinanzieren.

    Aber dieser Spaß am journalistischem und auch unternehmerischen Handeln, das direkte Feedback von Lesern und ie exakte Messung unseres Erfolgs, die unendlichen Möglichkeiten der Digitalisierung mit Videos (Youtube), Web-Dokus, Blogs, E-Books und vielem weiteren macht diese Zeit zur verdammt nochmal geilsten Zeit für Journalisten.

    Natürlich auch zur herausforderndsten….

  6. Geile Zeit? Ja, irgendwie schon. Während meines Journalistik-Studiums waren Internet und WWW gerade erst am Entstehen und weder journalistisch noch wissenschaftlich ein Thema. Wir warfen mit Begriffen wie „gatekeeper“ um uns – Journalisten als Torhüter der Information. Und wenn in der Lokalredaktion mal ein Leserbrief reinkam, waren wir alle sowas von stolz! Heute geht der Informationsfluss in zwei Richtungen und das finde ich Klasse. Auch wenn es die großen Verlagshäuser nachhaltig erschüttert und wir darunter leiden.

    Immerhin sind wir nicht der einzige Beruf, den das Mitmachweb umwälzt und umwirft. Wenn meine Tochter für einen Test lernt, sucht sie sich einen Mathesong auf YouTube. Gemacht von fast Gleichaltrigen. Sie sucht sich ihr Hirnfutter selbst aus, kaut nicht einfach nach, was ihr die Schule vorsetzt.

    Meine Utopie, die Krise der großen Verlage zu überstehen, entstand während einer TV-Reportage über eine Bäuerin, die aus Schafsmilch Seifen macht und verkauft: Ich will direkt an die Kunden ran, nicht nur für große Unternehmen liefern.
    Mittlerweile habe ich mich zur Webentwicklerin weitergebildet. Wenn alle Stricke reißen, habe ich jetzt immer noch die Option, die Straße abzuklappern, von Laden zu Laden, von Restaurant zu Restaurant, und Webseiten zu bauen. Und: ich verstehe nicht nur, wie die Programmierer ticken, ich weiß auch, wie das Medium tickt, das sie mühevoll befüttern. Spannenderweise ist Programmieren viel weniger exakt als ich jemals gedacht hätte, hat viel mehr mit Sprache zu tun, es ist ein Try und Error, ein Geben und (oft) nichts Zurückbekommen. Und es zwingt uns seine Regeln auf, stärker als jemals zuvor ein Medium. Es macht uns bescheiden, zwingt uns zur klaren Wortwahl, zur ebenso starken wie simplen Formulierung.
    „The medium is the message“ habe ich noch gelernt, damals an der Uni. Und daran hat sich nichts geändert!

  7. Christoph Lixenfeld sagt: Antworten

    Der Selbstbetrug hört niemals auf: Das Beispiel The Dish ist mir mittlerweile in 50 Onlinemagazinen und Blogs begegnet. Und warum? Weil es ein Strohhalm ist, an den sich alle Klammern, denn es ist der Einzige. Ein vergleichbares deutsches Beispiel? Gibt es nicht, würde auch in D nie funktionieren. Blogs? Nenn mir einen, nur einen deutschen Blogger, der mit Inhalten ein bürgerliches Einkommen erzielt. Eins, mit dem man in Urlaub fahren und Kinder ernähren kann. Gibt es nicht. Oder doch, einen, der Typ, der in Taiwan sitzt und Mobile Geeks betreibt, Pallenberg oder so. Musste auch schon 300 Mal als Beispiel herhalten. Weil es kein anderes gibt…

  8. Christoph Lixenfeld sagt: Antworten

    Oke, mag sein, das Beispiel will ich jetzt gar nicht zerreden, weil ich die Zahlen nicht kenne. Aber die doch auffallende…äh…Kompaktheit dieser Liste zeigt uns überdeutlich, dass Bloggen als Geschäftsmodell in D. grundsätzlich nicht funktioniert. Wir kommen in dieser ganzen Debatte um die Zukunft des Journalismus nur voran, wenn wir bereit sind, auch den bitteren Wahrheiten ins Auge zu blicken. Finde ich.

  9. „…als Geschäftsmodell in D noch nicht ausreichend umgesetzt wurde.“ Finde ich. Es gibt ein paar Blogs, die es probieren könnten und sollten(Weinreich, Niggemeier, Nachdenkseiten, allesaussersport.de etc), andere könnten es zumindest gemeinsam versuchen. Natürlich darf das nicht immer nur heißen: Paywall. eBooks, Veranstaltungen, Werbung… usw. Wenn netzpolitik.org nicht so viel Wert auf politischen Einfluss und mehr auf Monetarisierung legen würde, ginge das auch. Selbst bei kleineren kann es funktionieren. zB blog-trifft-ball.de

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