Die dunkle Seite: Korruption und Sportjournalismus

Korruption und Sport ergänzen sich perfekt, trotzdem berichten Journalisten nur selten darüber. Eine Analyse mit Beispielen, Kritik und einer Literaturliste für das Journalistik-Journal, das pünktlich zur Konferenz von Play the Game Anfang Oktober erscheinen wird. Von Daniel Drepper und Jörg-Uwe Nieland.

Kurz vor Weihnachten 2010 brüten Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter über der Affäre der Bayrischen Landesbank. Das Recherche-Ressort der Süddeutschen Zeitung findet bei Ex-Manager Gerhard Gribkowsky mehr als 20 Millionen Euro und fragt nach: Hat das Geld etwa damit zu tun, dass er 2005 den Verkauf der Formel 1-Anteile der Landesbank organisiert hatte? Gribkowsky beklagt sich bei der Staatsanwaltschaft über die Journalisten – und wandert wenige Tage später in U-Haft. Der Auftakt für eine Affäre, die auch Bernie Ecclestone in den Abgrund reißen könnte.

Insgesamt 50 Millionen Dollar hat Gribkowsky offenbar von Ecclestone bekommen, nachdem er Formel 1-Anteile der BayernLB an einen Ecclestone freundlich gesinnten Investor verkauft hatte. 50 Millionen, das wäre die höchste Bestechung einer Einzelperson, die in Deutschland jemals öffentlich wurde. Der Sport, immer und überall auf der Jagd nach Rekorden.

„Im Sport gibt es generell die Haltung: ‚Wir sind die guten Menschen, wir sind wichtig für unsere Stadt, wir tun so viel für die Gesellschaft.‘ Es entsteht eine Art Überidentifikation mit der eigenen Sache. Damit steigt die Bereitschaft, Schritte in die Illegalität zu unternehmen.“ Sylvia Schenk von Transparency International in der FAZ

Korruption und Sport bilden ein perfektes Paar: Hehre Ideale und ein gutes Image ummanteln Milliardengeschäfte, eingefädelt von windigen Geschäftemachern. Nur ganz selten gibt es Einblick für Staatsanwälte und Journalisten. 2008 erhielt das Internationale Olympische Komitee IOC den wenig schmeichelhaften Titel „intransparentestes Unternehmen der Welt“. Im selben Jahr verlieh das Netzwerk Recherche dem IOC die verschlossene Auster für Auskunftsverweigerer: Das IOC dulde „seit vielen Jahren Korruption und Interessenkonflikte bei der Vergabe der Spiele“.

Kriminologen schätzen, dass höchstens fünf Prozent aller Korruptionsfälle bekannt werden. Es fehlt an Geschädigten, beide Seiten profitieren. Eine Seite bekommt den Auftrag, den Sieg, die Stimme, die andere Seite das Geld, Geschenke, Posten. Sportvereine und Verbände werden nicht selten Jahrzehnte geführt von derselben Person, die wiederum ihre Nachfolger protegiert. Männerfreundschaften und Abhängigkeiten bestimmen das Geschäft.

Das schmutzige Spiel mit dem Sport erfand ein Deutscher: Horst Dassler überzog die Welt in den 1970er Jahren mit einem System korrupter Marionetten-Funktionäre. Dassler hatte den Sportartikel-Riesen Adidas von seinem Vater Adi übernommen und machte sich Sportfunktionäre mit Geschenken gefügig. Durch Sponsoring kommerzialisierte Dassler den Sport. Zu seinen Zöglingen gehörten FIFA-Boss Sepp Blatter und der Chef des deutschen Sports, Thomas Bach.

„Alle diese Zahlungen waren notwendig, um überhaupt Verträge zu bekommen und dass die sich dran halten. Als wenn man Lohn bezahlen muss. Sonst wird nicht mehr gearbeitet. Ansonsten wären diese Verträge von der anderen Seite nicht unterschrieben worden. Diese Zahlungen sind betriebswirtschaftlich notwendig, sind echte Aufwandspositionen. Nur die andere Seite möchte nicht genannt werden, das ist das Sensitive.“ Ein ehemaliger Sportrechte-Händler zitiert nach Jens Weinreich

2001 kollabierte die von Dassler aufgebaute Sportrechteagentur ISL. In einem Gerichtsprozess wurden 140 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld allein für die Jahre 1989 bis 2001 nachgewiesen. Die Spitze des Eisbergs. „Das gesamte System basierte auf Korruption (oder basiert noch?), die Vergabe von Marketingrechten, die Wahl von Präsidenten und anderen Offiziellen, die Vergabe von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften – alles ist miteinander verwoben“, schreibt der Journalist Jens Weinreich. Die FIFA zahlte 5,5 Millionen Schweizer Franken und schloss einen Korruptionsverdunklungsvertrag mit den Behörden. Welche Beteiligten an dem schmutzigen Spiel verdienten, ist nicht bekannt.

Die Korruption im Sport profitiert von dessen Autonomie. Der Sport verbittet sich die Einmischung ordentlicher Gerichte: „Don’t mix politics with games“. So kann Korruption unter Sportfunktionären in der Schweiz noch immer nicht bestraft werden. Sportverbände wie FIFA und IOC residieren in der Schweiz. Dort werden die milliardenschweren Unternehmen behandelt wie Kegelclubs: Sie müssen kaum Rechenschaft ablegen und so gut wie keine Steuern zahlen. Auch in Deutschland wehrt sich der Sport gegen Einflüsse von außen. Einen Gesetzesvorschlag gegen den Straftatbestand Sportbetrug fürchtet der Sport wie das Rindvieh die Schlachtbank (Der Gesetzesentwurf: hier). Die eigenen Gerichte werden vom Sport selbst besetzt, die Strafen fallen im Zweifel niedriger aus. Sepp Blatter verwahrt sich seit jeher im Stile eines Mafiapaten gegen Einmischungen.

“Wenn wir Probleme haben in der Familie, dann lösen wir die Probleme in der Familie und gehen nicht zu einer fremden Familie. Alles, was im Fußball passiert, und alle Schwierigkeiten, die im Fußball sind, sollen innerhalb der fußballerischen Gerichtsbarkeit oder Rechtsprechung gelöst werden und nicht vor ordentliche Gerichte gebracht werden. Das ist nicht mehr unsere Familie.” FIFA-Präsident Sepp Blatter gegenüber Jens Weinreich

Im Sport tummeln sich osteuropäische Potentaten wie karibische Geschäftemacher. Der olympische Boxverband AIBA wurde jahrzehntelang von Mafiosi regiert und in Brasilien hat Fußballchef Ricardo Teixeira einen Vertrag mit sich selbst geschlossen. Teixeira ist auch Vorsitzender des Organisationskomitees für die WM 2016. Erlöst die WM Gewinn, teilen sich Teixeira und der Verband das Geld; bringt die WM Verlust, trägt der Verband das volle Risiko. Die brasilianischen Medien berichten nicht kritisch, weil sie Angst haben, die TV-Rechte zu verlieren. (Thomas Kistner berichtet in der Süddeutschen Zeitung) -> hierzu gibt es eine Korrektur von Leser ha in den Kommentaren

Geld von Sponsoren, Medien und Fans, aber auch reichlich Steuergeld fließen in den Sport. Deshalb ist Korruption im Sport auch immer Betrug am Bürger. Selbst Profiteams spielen in staatlich subventionierten Sportstätten oder werden von Unternehmen mit Bürgergeld gestützt. So stiegen die Gelsenkirchener Stadtwerke mit 25 Millionen Euro bei Schalke 04 ein, obwohl Schalkes Umgang mit Geld wenig Vertrauen weckt (David Schraven berichtet in der Welt am Sonntag). Die meisten Vereine und Verbände wären ohne Steuergeld nicht lebensfähig.

Korruption ist fester Bestandteil des Sports, beschrieben wird sie selten. Stattdessen blüht Gefälligkeitsjournalismus. Dabei sind Sportjournalisten in der Pflicht, zu recherchieren. Doch viele verstehen sich als Freund des Sports, wanzen sich an. Nach einer Karriere bei überregionalen Medien wird häufiger mal die Seite gewechselt, gern hochbezahlt. Krasser sind nur diejenigen, die direkt abkassieren, die Fälle Emig und Mohren sind noch gut im Gedächtnis. Ähnlich großen Schaden hinterlässt die gleichgültige Masse: Jubelnde, nach belanglosen O-Tönen lechzende Sportfans mit Mikrofon geben den Zampanos Rückenwind, statt ihnen kritisch auf die Bankkonten zu blicken.

„Wer kritisch fragt, kann rasch zum Außenseiter werden. Wer kritisch schreibt, gilt manchem als Nestbeschmutzer. Denn angeblich sitzen doch alle in einem Boot. Wer den Kurs vorgibt, ist egal. Abstand halten? Warum? Erich Laaser, Frontmann im VDS, dem Verband Deutscher Sportjournalisten, appellierte vor einiger Zeit im VDS-Mitgliedermagazin an die Kollegen, die Organisatoren der Fußball-WM 2006 ‘mit Respekt’ zu behandeln, damit es ‘störungsfreie Spiele’ würden.“ Hans Leyendecker in „Korruption im Sport“

Besonders schlimm ist die Situation im Fernsehsport: Die Anstalten zahlen viel Geld für Rechte und präsentieren ein Produkt, das Quote machen soll – wer will sich da schon die Stimmung vermiesen. Kritische Fragen gibt es nicht. Aus Angst, Zugang und Kontakte zu verlieren, beschränken sich die meisten Journalisten auf die „1:0-Berichterstattung“.

In den vergangenen Jahren ist zum Teil ein kritisches Bewusstsein entstanden. Sport Inside beim WDR oder die Doping-Redaktion im ZDF sind Beispiele; hier wird die Sportberichterstattung dank neuer Elemente und kritischer Nachfragen vielfältiger. Behandelt werden auch sperrige Themen, die intensive Recherche erfordern; zu erinnern ist etwa an die Dokumentation von Hajo Seppelt über Sport in Nordkorea im Vorfeld der Frauenfußball-WM.

Einige kritische Journalisten gründeten Ende 2005 das Sportnetzwerk und verließen im Protest den Verband Deutscher Sportjournalisten, der sich gerne mal die Themen seiner Journalistenpreise vom Deutschen Olympischen Sportbund diktieren lässt.

Das Sportnetzwerk ist mittlerweile kaum mehr aktiv. Und auch sonst wird kritischer Sportjournalismus nicht mehr überall so unterstützt, wie noch vor kurzem öffentlichkeitswirksam gelobt wurde. Die skandalumtoste Wiederwahl von FIFA-Sepp begleiteten alle Medien groß; heute spürt kaum noch ein deutsches Medium den Skandalen nach. Wenn doch mal aufgedeckt wird, haben nicht selten fachfremde Kollegen recherchiert – mit der nötigen Distanz.

Zum Weiterlesen:

Hill, Declan (2008): Sichere Siege. Fußball und organisiertes Verbrechen oder wie Spiele manipuliert werden. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Kistner, Thomas & Weinreich, Jens (2000): Der olympische Sumpf. Die Machenschaften des IOC. München: Piper.

Kistner, Thomas (2004): Fairness auf deutsche Art. Deutschen Sportjournalisten fehlt es an Watchdog-Mentalität und Misstrauen. Beobachtungen eines investigativen Sportjournalisten über Anbiedereien, National-Pathos und unengagierte Chefs. In: Message 3/2004, Seite 10-14. [abzurufen hier]

Leyendecker, Hans-Joachim (2009): Abpfiff. In: Horky, Thomas / Schauerte, Thorsten / Schwier, Jürgen/ Deutscher Fachjournalistenverband (Hrsg.): Sportjournalismus. Konstanz: UVK, S. 305-312.

Moser, Gernot (2007): Korruption im Sport. Möglichkeiten und Grenzen des Erkenntnistransfers aus ökonomischen Analysen. Diplomarbeit an der Universität Bayreuth (Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Spezielle Betriebswirtschaftslehre. [abzurufen hier]

Smit, Barbara (2007): Die Dasslers. Drei Streifen gegen Puma. Bergisch-Gladbach: Bastei Lübbe.

Weinreich, Jens (Hrsg.) (2006): Korruption im Sport. Mafiose Dribblings, organisiertes Schweigen. Leipzig: Forum Verlag.

Weinreich, Jens (2009): Korruption als Strukturproblem der Spezialdemokratie Sport. Blogtext vom 8. März 2009. [abzurufen hier]

Weinreich, Jens (2011): Deutschland und die Korruption: Kartell der Schande. Blogtext vom 6. Juni 2011. [abzurufen hier]

Das Journalistik Journal erscheint zwei Mal jährlich. Es soll die “journalistische Berufspraxis mit der Journalistik-Wissenschaft in Verbindung bringen”. Redaktionen, Verbände und Institute erhalten das Heft kostenlos, alle anderen können es für sechs Euro im Jahr abonnieren. Das Heft mit dem Schwerpunktthema Medien und Sport erscheint in den kommenden Tagen und liegt auch bei der Konferenz von Play the Game in Köln aus.

Ein Dank noch an alle Leser, die sich bei diesem Aufruf mit Ideen beteiligt haben. Ich hatte vorab beschrieben, wie Jörg-Uwe Nieland und ich den Text über Korruption im Sport zu schreiben gedenken. Dank der Anregungen ist er, finde ich, besser geworden. Auch wenn wir einige gute Ideen nicht einbringen konnten. Zum Beispiel die Korruption im Lokalsport, die mehrfach vorgeschlagen wurde. Da würde ich mich in Zukunft gern nochmal separat und intensiver mit beschäftigen.

12 Responses to Die dunkle Seite: Korruption und Sportjournalismus

  1. Christian Klaue sagt: Antworten

    Nur um das klarzustellen: Der DOSB „diktiert“ dem VDS keine Themen für Journalistenpreise. Der DOSB fördert seit vielen Jahren einen Preis im Rahmen der VDS-Berufswettbewerbe. Denn es ist die satzungsgemäße Aufgabe des DOSB, die Kommunikation über Themen des DOSB und des organisierten Sports zu fördern. Dazu heißt es in der Satzung: „Der DOSB hat in Zusammenarbeit mit den Mitgliedsorganisationen im Rahmen seiner Zwecke insbesondere die folgenden Aufgaben: …die Förderung und Festigung eines umfassenden Sportverständnisses in der Gesellschaft und im öffentlichen Bewusstsein.“ Kein Journalist ist gezwungen, an dem Wettbewerb teilzunehmen und zudem wird kein Gefälligkeitsjournalismus verlangt. Es geht darum die Themen voranzutreiben. Wie beispielsweise das Thema Frauenförderung vor drei Jahren, München 2018 im Vorjahr oder „Sport für alle“ in diesem Jahr.

    Christian Klaue, DOSB-Pressesprecher

    • Hallo Herr Klaue. Deshalb hatte ich auch geschrieben, er lässt sich die Themen diktieren. Statt sich zu emanzipieren, selbst Themen zu setzen oder eine freie Kategorie zu eröffnen, folgt er dem DOSB. Ihnen ist dabei ja kein Vorwurf zu machen, Sie vertreten Ihre Interessen, wie Sie selbst schreiben.

      • ha’s Kommentar, der im falschen Thread gelandet ist:

        „Ein feiner Grundsatztext, wie ich finde. Mit einer Einschränkung: Es stimmt nicht (oder nicht mehr), dass brasilianische Medien über FIFA-Teixeira nicht berichten, weil sie Angst hätten. Das ist inzwischen ein bisschen deutsche / westliche Arroganz.
        Das Gegenteil ist richtig: Der dubiose Vertrag, den Teixeira als Org.-Komitee-Chef mit sich als Fußball-Präsident geschlossen hat, ist im November 2010 von der Zeitung „Lance“ enthüllt (und inzwischen partiell rückgängig gemacht) worden.
        Medien in Brasilien beleuchten sehr ausführlich die neuesten Betrugsermittlungen gegen Teixeira, eine anstehende parlamentarische Untersuchung gegen ihn, enorme und mit Betrugsverdacht verbundene Kostenexplosionen bei den Stadionbauten für 2016. Es existiert sogar eine stärker werdende Gruppe von Fans und anderen Sportfreunden, die sich übersetzt „Weg mit Teixeira“ nennt und Demos gegen ihn organisiert – also eine ziemlich ausgeprägte Auseinandersetzung um diesen Gangster. Der allerdings von der FIFA / Blatter gestützt wird, sogar mit Einsprüchen bei Präsidentin Rousseff. Die keine Teixeira-Freundin ist.“

  2. Christian Klaue sagt: Antworten

    Auch so herum ist diktieren falsch, weil zum Diktieren immer zwei gehören: Einer, der sich etwas diktieren lässt und einer, der etwas diktiert. So läuft unsere Zusammenarbeit jedoch nicht. Wir schlagen Themen vor und stimmen sie mit dem VDS ab. Da ist ein kleiner aber feiner Unterschied, der mir wichtig ist. Wenn Sie das kommentierend als Diktat bewerten, akzeptiere ich das selbstverständlich. Ich möchte aber deutlich machen, dass es im Miteinander kein Diktat ist.

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