Rooftop-Journalismus in New York

Ein abgedunkelter Raum in der Bronx. 50 Menschen sitzen still, viele mit geschlossenen Augen – dazu ein paar Gewehrsalven, Explosionen, Reportagefetzen aus Syrien. „Diary of a Bad Year“ ist eine Reportage von Kelly McEvers, Kriegsreporterin für das amerikanische National Public Radio. Am Freitagabend hat McEvers das Feature im Bronx Documentary Center in New York vorgespielt, einen Tag nach Ihrer Rückkehr in die USA. Der Abend war Abschluss meiner ersten – vielversprechenden – Woche in New York.

McEvers erzählt in „Diary of a Bad Year“ von ihrem Leben als Kriegsreporterin, von ihren Zweifeln und warum sie lange Zeit ihren Job nicht aufgeben wollte, obwohl zu Hause ihr Mann und ihre dreijährige Tochter auf sie warteten. Das Feature gibt es bei transom.org zum Nachhören. Ich will kein Kriegsreporter werden, trotzdem fand ich das Feature interessant. Noch interessanter war aber die anschließende Diskussion mit meinen neuen Kommilitonen.

Investigativ-Programm mit Ex-Soldaten
Ich studiere seit dieser Woche im Investigativ-Programm der Columbia Journalism School, am Tony Stabile Center for Investigative Journalism. Wir sind 17 Investigativ-Studenten, zwei davon waren als Soldaten für die USA im Irak und in Afghanistan, zwei weitere waren als Berichterstatter in Syrien, Lybien, Palästina, haben teils selbst Kinder. Meine neuen Kollegen haben McEvers‘ Doku als selbstgefällig, egoistisch und undifferenziert empfunden.

Und sie haben McEvers dafür kritisiert, dass sie den „Stamm der Kriegsreporter“ wie sie es nennt, extrem verherrlicht hat. Die Gefahr hat sie als Abenteuer dargestellt statt als notwendiges Übel, das man so weit wie möglich vermeiden muss; ohne echte Reflektion über die öffentliche Aufgabe einer Reporterin vor Ort. Während wir diskutierten, tranken wir amerikanisches Dosenbier auf dem Dach eines Hauses in der 105ten Straße West, der Himmel dunkel, New York hell. So darf es weitergehen.

Enger Stundenplan, gutes Training
Montag geht es los, am Dienstag um 17 Uhr ist die erste Deadline, ab 18 Uhr ist David Isay von Storycorps zu Besuch. Mittwochmorgen startet Mark Hansen die erste Einführung in den Datenjournalismus, Donnerstag ist Audiotraining am Freitag die erste Audio-Aufgabe und Freitagabend gibt es einen Workshop zu Social Media. Das ist die erste Woche. Dazu kommt eine ganze Reihe zusätzlicher Aufgaben.

Im Investigativ-Kurs bearbeiten wir das Thema Armut in New York. Vorab-Lektüre von ein paar hundert Seiten und zahlreiche aktuelle Artikel sind abgehakt, jetzt sucht sich jeder von uns eine Nische aus, über die er berichten wird. Am Ende sollen je eine Behörde und eine gemeinnützige Hilfsorganisation auseinander genommen werden. Als Einführung in das Jahr, zum üben.

Datenjournalismus und Longform Storytelling beim Pulitzerpreisträger
Im Herbst starten die gewählten Kurse. Für mich sind das Datenjournalismus für Fortgeschrittene bei Mark Hansen (für die Insider: wir arbeiten vor allem mit R) und Literary Documentary, also Longform Storytelling. Letzteres bei Pulitzerpreisträger Dale Maharidge. Maharidge hat viele Jahre zu Armut in Amerika recherchiert, zuletzt ist sein Buch „Someplace Like America“ neu erschienen.

Insgesamt machen in diesem Jahr 256 Studenten den zehnmonatigen Master of Science an der Columbia Journalism School. Etwa 80 kommen nicht aus Amerika, wir sind aus insgesamt 29 Ländern. Ich versuche in den kommenden zehn Monaten hin und wieder hier von meinen Erfahrungen zu bloggen. Mehr als wenige kleine Einträge werden aber kaum möglich sein. Das Programm an der Columbia ist wirklich extrem dicht. Wer hin und wieder kleine Notizen mitbekommen will, der folge mir auf Twitter oder abonniere mich auf Facebook.

Foto unter CC-BY-SA von jenschapter3 via flickr.com

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