Doping in Westdeutschland konkret: Das Beispiel Hamm

Giselher Spitzer: "Staatlich subventionierte Anabolikaforschung." Foto: Drepper

Giselher Spitzer: "Staatlich subventionierte Anabolikaforschung." Foto: Drepper

Vor gut zwei Jahrzehnten rannte der SC Eintracht Hamm von Rekord zu Rekord – dank Doping. Das Beispiel zeigt, wie der Betrug in Westdeutschland jahrzehntelang funktionierte.

Hinter verschlossenen Türen hat der Sportausschuss des Bundestages am Mittwoch über die Studie „Doping in Deutschland“ gesprochen. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, habe ich für die WAZ ein konkretes Beispiel nacherzählt. Erstmals seit Jahren spricht auch wieder einer der Täter: Hans-Jörg Kinzel. Er trainiert heute in Baden-Württemberg Kinder und Jugendliche.

(Original-Dokumente gibt es am Ende des Textes)

Hamm, Ende der Achtziger Jahre: Zwei Trainer füttern sechs Frauen jahrelang mit männlichen Hormonen. Der Deutsche Leichtathletik Verband weiß davon, lässt aber geschehen. Heute arbeiten beide Täter wieder im Sport. Öffentlich entschuldigt haben sie sich bis heute nicht.

Der SC Eintracht Hamm war jahrelang einer der erfolgreichsten Vereine im deutschen Frauensprint. Die Superzeiten, darunter ein Hallenweltrekord, waren das Ergebnis von Stromba und Anavar, vermännlichenden Steroiden. Das Amtsgericht Hamm verurteilte die beiden Trainer Jochen Spilker und Hans-Jörg Kinzel 1994 zu Geldstrafen. Wen das Gericht nicht bestrafte: Ärzte, Funktionäre und Politiker. Dabei war Doping in Westdeutschland jahrzehntelang vom System gestützt.

Damals galt das Hammer Modell Vielen als Einzelfall. Heute ist klar: Es ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Doping auch westlich der Mauer jahrzehntelang von Verband und Regierung toleriert, ja sogar finanziell gefördert wurde. Das haben Wissenschaftler aus Münster und Berlin in der Studie „Doping in Deutschland“ herausgefunden.

Blanko-Rezepte von Armin Klümper
1987 wechselte die damals 19-Jährige Claudia Lepping von Marl nach Hamm. Sie wollte lernen von den schnellen Frauen und deren Trainern. Schnell merkte Lepping, dass die Hammer Frauen nicht wegen ihres Trainings so viele Titel holten. „Die Blanko-Rezepte von Sportarzt Armin Klümper hingen offen an der Pinnwand, die Kulturbeutel waren voll mit Medikamenten – darunter waren Anabolika“, sagt Lepping. „In der Gruppe haben alle offen über Doping gesprochen. Die Trainer haben sich über die Nebenwirkungen der Steroide sogar noch lustig gemacht.“

Lepping lehnte Doping ab und wandte sich mit einem Brief an den Deutschen Leichtathletik Verband. In Hamm wird gedopt, bitte tut was dagegen. Die Antwort war knapp und deutlich: „Liebe Claudia, m.E. liegt hier ein Missverständnis vor. Mit sportlichen Grüßen, dein Leistungssportdirektor.“

Ehemaliger Trainer klagt DLV an

Einer der beiden Hammer Trainer, Hans-Jörg Kinzel, unterstreicht Leppings Aussagen im Gespräch mit mir: „Das war 100 Prozent gedeckt, von der Verbandsführung bis ins Innenministerium. Ständig kamen die Sprüche: Wir wollen Medaillen, ihr wisst, was zu tun ist. Klar war: Macht ihr nichts, seid ihr raus.“ Jochen Spilker, Kopf des Hammer Doping-Zirkels, war später Bundestrainer im Deutschen Leichtathletik-Verband.

Die aktuelle Studie zur deutschen Dopingvergangenheit belegt, dass die Ereignisse in Hamm keine Ausnahme waren. Was es im Westen nicht gab: Flächendeckendes, vom Staat organisiertes Doping. Auch waren Minderjährige offenbar nur in Einzelfällen Opfer. Das unterscheidet das West-Doping vom Staatsplan 14.25 in der DDR.

Was es jedoch gab: Breite Einigkeit, dass alles unternommen werden soll, um die Zahl der Medaillen zu steigern. Zahlreiche Zeugen berichteten den Forschern von deutlichen Ansagen aus Politik und Verbänden: Macht was ihr wollt, Hauptsache ihr lasst euch nicht erwischen. „Unsere Athleten sollen die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen haben wie die Ostblockathleten“, soll einer der damaligen Innenminister gesagt haben.

Nutzungsorientierte Dopingforschung
An den Universitäten in Köln und Freiburg habe es sogar „nutzungsorientierte Dopingforschung“, sagt Sporthistoriker Giselher Spitzer. Gefördert wurden die Dopingstudien mit Steuergeld aus dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft, einer dem Bundesinnenministerium unterstellten Einrichtung.

„Das Ziel bestand ganz offensichtlich darin, die Anwendung der Anabolika im Leistungssport wissenschaftlich begründen zu lassen“, schreibt Spitzers Kollege Erik Eggers. Forschungen, welche die Gefahren von Steroiden belegten, wurden der Studie zufolge unterdrückt.

NOK-Chef Daume: billigende Mitwisserschaft
Die allermeisten Entscheider wussten offenbar darüber Bescheid: Nicht nur im Bundesinnenministerium und dem ihm unterstellten Bundesinstitut für Sportwissenschaft, auch bei den Verbänden. Selbst der langjährige NOK-Präsident Willi Daume hat den Forschern zufolge Interna aus der Dopingpraxis bekommen. „Das Fehlen eines Gegensteuerns Daumes werten wir als billigende Mitwisserschaft“, schreiben die Historiker.

Doping in Westdeutschland war also ganz offensichtlich mehr als eine Reihe von Einzelfällen. Es war vom System gestützt.

Die Dopingtäter des SC Eintracht Hamm sind heute wieder im Sport unterwegs. Jochen Spilker ist seit vielen Jahren Vize-Präsident des Thüringer Landessportbundes, auf Anfragen reagiert er nicht. Der Verband sagt, Spilker habe sich Anfang der Neunziger Jahre den Mitgliedern erklärt. Außerdem habe er als Vizepräsident Recht mit dem Leistungssport nichts zu tun.

Seiner eigenen Frau männliche Hormone gegeben
Hans-Jörg Kinzel gab damals seiner eigenen Frau jahrelang männliche Hormone. Seit 2005 arbeitet er wieder als Kinder- und Jugendtrainer in Baden-Württemberg. Vor einigen Jahren hat er sogar eine Trainerfortbildung für den Württembergischen Leichtathletik-Verband gegeben. Der Verband hat trotz mehrfacher Bitten keine Fragen beantwortet. Hans-Jörg Kinzel dagegen hat im Gespräch mit mir erstmals seit Jahren Stellung bezogen.

Kinzels Athletinnen waren erwachsen, er hat seine Taten gegen ein Honorar von 35.000 Mark dem Spiegel und später auch vor Gericht gestanden. Das unterscheidet ihn von den ehemaligen Trainern der DDR, die der Leichtathletik-Verband im Jahr 2009 auf viel kritisierte Weise rehabilitierte. Rund 15 Jahre lang hat Kinzel nicht im Sport gearbeitet. Doch weder war er seitdem besonders aktiv gegen Doping, noch hat er sich bei seinen ehemaligen Athletinnen entschuldigt. Man sei im Streit gegangen.

Bereut der Trainer? Eher nicht
Ob Kinzel bereut? Er zögert. „Ich bereue das, weil ich ohne diesen Bruch sicherlich einen erfolgreicheren Weg als Trainer hätte einschlagen können. Das Doping belastet meine Karriere auch heute noch.“ Seine Karriere. Kinzel beklagt die Scheinheiligkeit von ehemaligen West-Dopern und Verbandsfunktionären. Immerhin ist Doping für ihn heute „der falsche Weg“.

„Ich habe mit jedem Athleten auch über das Risiko gesprochen. Das ist etwas anderes, als wenn man Athleten Mittel gibt und die nichts davon wissen. Auch das gab es meines Wissens im Westen.“ Kinzel behauptet, seine Athletinnen hätten die Wahl gehabt. Aber er gibt zu: „Wer das nicht gemacht hat, hat sich gegen den Leistungssport entschieden. Wir hatten einen Auftrag. Um den zu erfüllen, war es gang und gäbe zu dopen.“

„Junge Frauen werden manipuliert“
Claudia Lepping sagt: „Ich glaube noch immer nicht, dass jemand das Zeug freiwillig nimmt. Junge Frauen wissen kaum etwas von den gesundheitlichen Folgen, die vertrauen ihren Trainern und werden doch nur manipuliert.“

Die einzige der damals gedopten Athletinnen, zu der ich heute noch Kontakt herstellen konnte, wollte nicht über ihre Zeit beim SC Eintracht Hamm sprechen. Überhaupt hat sich bis auf wenige Ausnahmen bis heute fast niemand zum Doping in Westdeutschland öffentlich geäußert.

Claudia Lepping wird auf ihre Erfahrungen noch immer angesprochen. „Ich komme mir vor, wie die Oma, die vom Krieg erzählt. Aber offensichtlich gibt es keine Andockstation für Sportler, die darüber sprechen wollen.“ Das will Lepping ändern. Unter dem Motto „Doping-Alarm“ soll es möglichst noch in diesem Jahr Ansprechpartner geben für Athleten, die das Schweigen brechen wollen.

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Die bislang zusammengetragenen Ergebnisse sollen jetzt offenbar doch erst im Januar auf der Webseite des Bundesinstitutes für Sportwissenschaft öffentlich gemacht werden.

Jede Forschergruppe hat vorab eine Zusammenfassung ihrer Unterlagen erstellt. Ich weiß gar nicht, ob die offiziell irgendwo veröffentlicht wurden. Ich habe sie vor längerem mal von einem Bekannten geschickt bekommen. Hier also die recht ausführlichen, ersten Zusammenfassungen:

Bericht der Forschungsgruppe aus Berlin um Giselher Spitzer und Erik Eggers:

Doping in Westdeutschland – Zwischenbericht Gruppe Spitzer von Herbst 2011

Bericht der Forschungsgruppe aus Münster um Michael Krüger und Henk Erik Meier:

Doping in Westdeutschland – Zwischenbericht Gruppe Krüger von Herbst 2011

Außerdem veröffentliche ich das Urteil des Hammer Amtsgerichtes aus dem Jahr 1994 gegen Jochen Spilker und Hans-Jörg Kinzel:

Urteil gegen Jochen Spilker und Hans-Jörg Kinzel

Das Urteil habe ich mit freundlicher Genehmigung von Professor Werner Franke veröffentlicht.

Kontakt: daniel.drepper (ät) gmail.com // 0176 611 96 014

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