Die Sport-Woche (5)

Thema der Woche: Alle gegen Sepp

Die Kritik an FIFA-Herrscher Joseph „Sepp“ Blatter ebbt nicht ab, ganz im Gegenteil: Anfang der Woche schreibt Ex-Bundesgerichtshof-Präsident Günter
Hirsch einen offenen Brief an die FIFA. Die dpa zitiert Hirsch unter anderem mit der Aussage, „dass die Ereignisse der letzten Wochen bei mir den Eindruck erweckt und gefestigt haben, dass die Verantwortlichen der FIFA kein wirkliches Interesse daran haben, eine aktive Rolle bei der Aufklärung, Verfolgung und Vorbeugung von Verstößen gegen das Ethikreglement der FIFA zu spielen“. Bislang hat sich Hirsch noch nicht weiter öffentlich geäußert – zumindest habe ich noch nichts gefunden.

Dafür hat mit Roland „Rino“ Büchel ein weiterer Insider einen offenenen Brief an die FIFA verfasst, den der Schweizer Carlos Hanimann in seinem Blog veröffentlicht (via Jens Weinreich). Der Brief ist betitelt mit „Internationale Sportfunktionäre sind schwer korrupt“. Eine Anekdote Büchels:

„Kürzlich traf ich einen westafrikanischen Minister. Er trat mit ernster Miene auf mich zu: „Ich schäme mich für Afrika.“ Ich verstand nur Bahnhof. Denn für mich war klar, dass wegen eines einzigen käuflichen Funktionärs nicht ein ganzer Kontinent an den Pranger zu stellen ist. Doch Son Excellence insistierte. Der Mann schämte sich wirklich abgrundtief. „Es ist ein Skandal. Schauen Sie, Monsieur Roland, unser Freund aus dem riesigen Nigeria wollte seine Stimme tatsächlich für drei Mal weniger Geld hergegeben als der Typ aus dem kleinen Tahiti in der Südsee. Wir Afrikaner kennen unseren Wert nicht. Es ist eine Schande.“

Büchel war früher selbst als Marketing-Experte für die FIFA tätig und ist heute Mitglied im Nationalrat der Schweiz (entspricht dem Deutschen Bundestagsabgeordneten). Büchel hatte den internationalen Sportverbänden eine Frist bis Ende 2011 gesetzt, in der sie ihre Korruptionsprobleme lösen müssen. Sonst müsse die Politik nachhelfen. Seine Drohungen scheinen keine leeren Versprechen zu sein. Ein Portrait über Büchel hat Hanimann für die Schweizer Wochenzeitung WOZ geschrieben: „Der Mann in Blatters Nacken“.

Diskussionen gibt es weiterhin auch um die abstruse Katar-Entscheidung der FIFA. Gut zusammengefasst wird die Problematik im Interview von SZ-Redakteur Thomas Kistner mit dem Präsidenten der Deutschen Fußball Liga, Reinhard Rauball. Leider gibt es das Interview nicht online, lediglich dpa-Zusammenfassungen. Rauball sagte der Print-SZ unter anderem:

  • „Ich finde es außerordentlich erstaunlich, dass die klimatischen Gesichtspunkte bei der WM-Vergabe gar keine Rolle gespielt haben.“
  • „Es reicht im Jahr 2010 nicht mehr aus, einen Briefumschlag aufzureißen und zu verkünden: ‚The winner ist Katar‘. Heute braucht es bei solchen Entscheidungen Transparenz.“
  • „Ein unfassbar großer Reparaturaufwand für eine falsch getroffene Entscheidung.“
  • Auf die Frage, ob schon einmal über einen europäischen Herausforderer von Blatter gesprochen wurde: „Ich hatte im Herbst (…) ein Gespräch mit Uefa-Präsident Michel Platini. Über den Inhalt möchte ich nichts sagen.“

Was einige deutsche Medien derzeit melden: Sotschi 2014 hat Vorrang vor der Formel 1. Bernie Ecclestone will ab 2014 mindestens sieben Jahre in Russland fahren. Falls die Formel 1-Bauarbeiten (angeblich 143 Millionen Euro teuer) die einige Monate zuvor ebenfalls in Sotschi stattfindenden Olympischen Winterspiele in Gefahr bringen sollten, werden die Motorsportler jedoch noch ein weiteres Jahr warten müssen. „The Olympics will come first“, sagte Orga-Chef Dmitry Chernyshenko dem Online-Dienst insidethegames schon Ende Dezember. Das hängt indirekt auch mit der Vergabe der WM 2018 zusammen, denn: Universiade 2013, Formel 1 2014, Olympische Winterspiele 2014, Fußball-WM 2018 – aus dem Boden gestampfte Mega-Ereignisse. Hat Russland sich vielleicht übernommen? Milliardenschwere Investitionen werden nötig, „die zusammen, wie viele Ökonomen vorrechnen, mit den in der Krise noch großzügiger als zuvor erhöhten Löhnen, Renten und Soldatensolden bald den Staatshaushalt sprengen werden“ schreibt Jens Siegert im Russland-Blog der Heinrich-Böll-Stiftung.

Nachtrag 12 Uhr: Der Streit zwischen FIFA-Blatter und dem IOC schwelt weiter, wie Jens Weinreich im Deutchlandfunk berichtet. Konfliktpunkte sind die gegenseitigen Angriffe nach den Korruptionsfällen in FIFA respektive IOC und die mögliche Verlegung der Katar-WM. „Angeblich sollen Hardliner in der FIFA sogar darauf drängen, der Fußball solle sich aus dem Olympiaprogramm verabschieden“, berichtet Weinreich.

Gedopt
Die dpa meldete am Dienstag, dass Ski-Langläufer Nikolai Pankratow von der FIS wegen des Besitzes von Doping-Material gesperrt worden ist. Aber: Kein Wort darüber, dass er das Kälberblut-Mittel Actovegin von Mainz05-Arzt Klaus Gerlach bekommen hat. Warum?

Drei Nachrichten aus dem Radsport. Nummer eins: Der frühere Mountainbike-Profi und Verdächtige in den spanischen Doping-Ermittlungen Galgo und Puerto, Alberto León, hat sich offenbar erhängt. León soll Eufemiano Fuents als Kurier und Handlanger gedient und unter Depressionen gelitten haben. Nummer zwei: Danilo Di Luca, mehrfach auffälliger Giro d’Italia-Gewinner, fährt wieder. Für das russische Katjuscha-Team. Und ohne Gehalt. Nummer drei: Das neue Über-Team des Radsports, der luxemburgische Leopard-Rennstall um die Brüder Fränck und Ändy Schleck mischt schon jetzt die Szene auf. Mit fünf deutschen Fahrern und einigen Doping-Verdächtigen Fahrern und Betreuern, von denen Rainer Seele in der FAZ zumindest ein paar erwähnt.

Der Österreicher Hannes Hempel (als Radprofi Team Gerolsteiner, später Ironman-Triathlet) bleibt wegen des Handels mit Doping-Präparaten für vier Jahre gesperrt, wie tri-mag.de berichtet. Hempel war von Doping-Kronzeuge Bernhard Kohl belastet worden, das Epo-Präparat CERA weitergegeben zu haben.

Nachtrag 9 Uhr: Anfang 2010 hatte die Doping-Redaktion der ARD in der Sportschau und im WDR-Magazin Sport Inside über gefälschte Urin-Kontrollen im Handball berichtet. Zwei Kontrolleure hatten eigenen Urin abgegeben und das Geld für die Proben abgerechnet, ohne zum Spiel zu fahren. Die damals zuständige Firma Serco sitzt in Mannheim, wo die beiden Kontrolleure – im Übrigen Bruder und Schwester – nun vor dem Amtsgericht zu drei Monaten auf Bewährung beziehungsweise einer Geldstrafe über 450 Euro verurteilt wurden, wie die Wormser Zeitung berichtet.

Nachtrag 15 Uhr: Stefan Matschiner, Bernhard Kohls Doping-Dealer, stellt am Montag sein Buch vor, wie die österreichische Presse-Agentur APA berichtet. Aus der Ankündigung: „In weiteren Themen-Schwerpunkten beschreibt Matschiner, wie Doping tatsächlich funktioniert, mit welchen Tricks er die Dopingfahnder narrte und warum diese auf verlorenem Posten stehen. Er führt die Verkommenheit des Hochleistungssports vor Augen, entlarvt Funktionäre und Politiker als Mitwisser, zieht Parallelen zum Zustand unserer Gesellschaft und entlässt auch die Sportler nicht aus ihrer Verantwortung. Gespannt sein darf man auch auf ein ausführliches Interview mit Skandal-Trainer Walter Mayer, ein Freund und Wegbegleiter Matschiners.“

Und sonst?
Neuigkeiten gibt es im Wettskandal. Mit Marcel Schuon sagte am Mittwoch zum ersten Mal ein Spieler in Bochum aus. Schuon verdiente 7500 Euro brutto im Monat bei Osnabrück. Plus 800 Euro pro Punkt. Also knapp 10000 Euro im Monat. Trotzdem fand er das Angebot, Spiele zu manipulieren, verlockend.

Die Leichtathletik-WM in Daegu (27. August bis 4. September 2011) wird nun wohl tatsächlich nicht bei ARD und ZDF live zu sehen sein. Eventuell gibt es Zusammenfassungen, auch eine Übertragung bei Eurosport scheint noch möglich, wie der sid meldet.

Hoch her geht es weiter in Sachen Olympia 2018. Ich habe die Diskussionen bislang lediglich verfolgt, nichts selbst dazu gemacht. Sehr aktiv ist dagegen Jens Weinreich (aktuell verlinkt ein schönes Video des BR), gemeinsam mit Link-Experte Ralf. Aktuell geht es um die Abgabe des Bid Books, um Kommunikationsherrschaft und ein Bürgerbegehren gegen Olympia in Garmisch-Partenkirchen.

Über Olympia schreibt auch Holger Gertz, dessen Texte absolut „legen – wait for it – dary“ sind. Ich liebe sie. Leider ist sein Seite 3-Text vom Dienstag nicht online. Gertz beschreibt das Gefühl, die Stimmung von München 72. „Der Geist von damals, das war die wilde Zeit in München. Studenten, Schwabing, anarchistische Künstler. Die Gruppe SPUR, die Gruppe GEFLECHT. Die Siebziger sind für viele Deutsche das Sehnsuchtszeitalter: Koteletten waren nie buschiger, Miniröcke nie kürzer. Deutschland war anders geworden. (…) Die Spiele wirkten entspannt, weil sie gründlich geplant wurden. Hinter allem, was leicht aussieht, steckt sehr viel Arbeit. Sie wirkten glaubwürdig, weil die Menschen glaubwürdig waren.“ Gertz besucht unter anderem die Kneipe „München 72“ in der Nähe vom Isartor – und dessen Besitzer Thomas Zufall. „Thomas Zufall hat viel über diese Bewerbung geredet mit seinem Personal und den Gästen. Er ist für die Spiele in München 2018, aber er hat aus den Gesprächen herausgehört, dass viele dagegen sind. Sie halten Olympia für eine Kommerzveranstaltung, das IOC für eine Schwindelbande, und sie finden, dass München nicht mehr beweisen muss, eine Weltstadt zu sein. Das weiß die Welt inzwischen.“

Gertz hat wenige Tage zuvor auch über 50 Jahre Sportschau geschrieben, was online zu finden ist. „Sport im Fernsehen, das war früher nicht nur Fußball, im Jahr brachte die Sportschau Berichte von über fünfzig Sportarten. (…) Dass der Fußball inzwischen eine so gewaltige Rolle spielt, bedauern wenigstens die Sportschau-Helden von damals. Und Günter Netzer sagt, er als Fußballer habe immer besonders die Berichte über Turner und Läufer mit großem Interesse verfolgt, also über Athleten, die sich mehr reinhängen mussten als die Fußballer, unter denen ja Netzer einer war, der sich mit dem Reinhängen extrem zurückhielt.“

Vor wenigen Wochen ist Holger Gertz vom Medium Magazin übrigens als Reporter des Jahres 2010 ausgezeichnet worden. Die Begründung: “Holger Gertz zeigte 2010 Reportertugenden in außergewöhnlicher Themen-Vielfalt von konstant hohem Niveau: Mit seinen Fußballreportagen, die stets weit mehr als “nur” Sport erzählen, mit seinen Beiträgen aus Südafrika, die den Blick weit über die Fußballstadien richteten, mit seinen Portraits z.B. über Franz Xaver Kroetz, Heiner Geisler, Michael Schumacher oder – zusammen mit Alexander Gorkow- über Luis van Gaal , die zu den Meisterstücken des Genres gehören.” Letztgenannter Text über Van Gaal findet sich beim Reporter-Forum. Weitere Texte gibts hier.

6 Responses to Die Sport-Woche (5)

  1. Für Russland scheint Katar aber die perfekte Wahl gewesen zu sein. Zumindestens unmittelbar nach der Verkündigung des Wahlergebnisses redet alles nur über 2022 und kaum einer über die Korrutionsvorwürfe, die min. genauso mit Russland 2018 in Verbindung zu bringen sind. Deine Aufzählung der kommenden Sportevents in der russ. Förderation lassen nur erahnen, welche Gelder im Hintergrund sind – neben den von dir erwähnten milliardenschwere Investitionen!

  2. zur Sache Klaus Gerlach:
    Hallo Herr Drepper:
    Ich würde mir wünschen, dass Sie da am Ball bleiben. An und für sich kann man über diesen Arzt viel erfreuliches im Kampf gegen Doping und in Sachen Aufklärung im Netz finden. Um so erstaunlicher erscheint es mir, dass sein Name im Zusammenhang mit einem Dopingfall auftaucht.
    Danke im Voraus für den Blog, den ich immer wieder gerne lese.

  3. @Jonathan: Stimmt, über Russland ist grad erstaunlich wenig zu hören. Das wird mit Sotschi 2014 hoffentlich wieder mehr. Kannst du nicht zufällig russisch?

    @ Lars T.: Danke, wir werden sehen.

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