Das Umweltkonzept von München 2018 im Original

„Lernen von den Spielen“ heißt die Broschüre, die München 2018 Anfang Februar für Deutschlands Schüler vorgestellt hat. Gut 100 Seiten, in denen die schöne, heile Welt Olympias beschrieben wird. Doch die Broschüre enthält nur die halbe Wahrheit – wenn überhaupt. Das belegt das hier so weit ich weiß erstmals veröffentlichte Umweltkonzept der Bewerber.

Die Broschüre der Münchner Bewerber soll im Unterricht eingesetzt werden: Alle gut 3000 deutschen Gymnasien bekommen zwei Hefte zugeschickt. Doch sie ist ein Werbeheft für die Münchner Bewerbung und Sponsor BMW, wird von Bayerns Kultusministerium unterstützt – und arbeitet auch noch mit Halbwahrheiten. Über die Broschüre (hier als pdf) habe ich vergangene Woche für ZDFonline geschrieben.

Eine Stunde nach Veröffentlichung ruft mich Gerd Graus an, bis Herbst 2010 Pressesprecher des DOSB der DOSB an. Er hatte sich an folgendem Satz gestoßen: „Mit falschen Fakten und Halbwahrheiten gespickt ist das Heft der Münchner Bewerber zum Beispiel beim Thema Umwelt und Nachhaltigkeit.“ Dies sei Meinung der Naturschützer, das könne ich nicht als Faktum darstellen.

(Nachtrag: Danke an Gerd Graus für die Information in den Kommentaren, ein Missverständnis, das tut mir Leid)

Da ich mir am Freitag frei genommen und zudem auf die Schnelle keine Materialien zur Hand hatte, habe ich die Stelle vom ZDF ändern lassen. Die neue Version: „Naturschützern zufolge ist das Heft der Münchner Bewerber zum Beispiel beim Thema Umwelt und Nachhaltigkeit mit falschen Fakten und Halbwahrheiten gespickt.“

Mittlerweile habe ich mir aber das bislang unveröffentlichte Umweltkonzept der Münchner Bewerber besorgt. Das Dokument ist zwar von September 2010, die 185 Seiten waren damals aber den verschiedenen Stadt- und Gemeinderäten zur Abstimmung vorgelegt worden und können daher nun auch nicht mehr geändert werden – sind also weiter aktuell. Ich habe das Konzept inklusive aller Zahlen zum Flächenverbrauch bislang nirgendwo anders gefunden (falls doch: gerne melden). Daher hier im Original via Scribd:

Umweltkonzept München 2018 danieldrepper.de

Das „Umwelt-Screening“ beginnt auf Seite 26. Entscheidend sind die Tabellen auf den Seiten 31, 32, 35, 38, 40, 44, 46, 48, 50, 52 und vor allem 54 und 55.

Die Bewerber argumentieren immer wieder, 99 Prozent der benötigten Sportflächen seien bereits vorhanden oder würden nur temporär errichtet. Und leidiglich eine Fläche von 0,5 Hektar – gerne betont mit: „weniger als ein Fußballplatz“ – würde für Pistenerweiterungen dauerhaft benötigt. In genau dieser Formulierung mag das stimmen. Rechnet man die Zahlen aus dem Umweltkonzept jedoch zusammen, kommt man auf weit über hundert Hektar, welche die Bewerber für Sportflächen, Medien- oder Sportlerdörfer, Parkplätze, Zufahrtsstraßen usw. usf. benötigen.

Wenn auch nicht alle für Pistenerweiterungen und dauerhaft benötigt werden, so kann sich doch jeder leicht vorstellen, wie groß der Eingriff in die Natur ist, wenn ein paar ordentliche Bagger, Raupen, Presslufthämmer und Betonmischer – um plastisch zu werden – eine Fläche in der Größe mehrerer hundert Fußballplätze bearbeiten, planieren, umwälzen und bebauen. Damit wäre dann auch klar, dass in der Broschüre für Deutschlands Schüler nur die halbe Wahrheit steht – wenn überhaupt.

Eigentlich hatte ich München 2018 journalistisch bislang links liegen lassen, aber langsam bekomme ich Lust. Vielleicht folgt hier bis zur Entscheidung am 6. Juli in Durban doch noch die ein oder andere Geschichte.

Mehr interne Dokumente zur Bewerbung Münchens finden sich im Blog von Jens Weinreich:

16 Responses to Das Umweltkonzept von München 2018 im Original

  1. Ralf sagt: Antworten

    In diesem Zusammenhang sicher auch interessant:

    nolympia.de (30.11.2010): Offener Brief an Winfried Hermann

    Für die Wettbewerbe auf Skiern müssen also noch 6 Sporteinrichtungen mit einem Aufwand von ca. 50 Mio € gebaut werden. Dafür und für die Funktionsflächen werden ca. 47 ha landwirtschaftliche Flächen, 1 ha Wald und 1,5 ha 13d-Biotope überwiegend temporär, z.T. auch permanent überbaut.

    Für Olympisches Dorf, Mediendorf, Medien Zentrum und unnötige Bahnunterführungen werden noch einmal ca. 9 ha landwirtschaftliche Flächen verbraucht.
    […]
    Nach der “Flächenbilanzierung Sportstätten, Funktionsflächen und Olympische Dörfer, bezogen auf bisherige Flächennutzung (Stand Juli 2010)” ergibt sich aus Tabelle 19 (S. 55) des Umwelt- und Nachhaltigkeitskonzeptes, dass für “temporäre Flächennutzung und Infrastruktur” 140 ha, das entspricht 66 %, “temporär” genutzt werden sollen (Rodungen inbegriffen).

  2. Gerd Graus sagt: Antworten

    Sehr geehrter Herr Drepper,

    mit einiger Verwunderung habe ich heute früh den Anruf eines befreundeten Journalisten entgegen genommen, der mich auf ihren Blog-Eintrag aufmerksam gemacht hat. Ich glaube, es ist kein Geheimnis, dass ich die Bewerbung eindeutig befürworte. Dies gipfelt jedoch nicht darin, dass ich eine Stunde nach Erscheinen eines Artikels den Autor anrufe, um ihn in eine Diskussion zu einem Thema zu verwickeln, in welches ich nicht involviert bin.

    Ich habe ja nicht einmal Ihre Telefonnummer in meinen Kontaktdaten. Darüber hinaus kannte ich den Artikel bis heute überhaupt nicht.

    Insofern bin ich schon erstaunt über Ihre journalistische Arbeit und die damit verbundene Behauptung, dass ich Sie angerufen habe. Dies bestreite ich hiermit. Mir ist nicht erinnerlich mit Ihnen zu diesem Thema gesprochen zu haben. Über eine Aufklärung wäre ich Ihnen sehr verbunden.

    Ihren Eintrag werde ich nun gerne zum Anlass nehmen, die erwähnte Broschüre der DOA, die Sie ja, mein Dank ist Ihnen gewiss, als PDF zur Verfügung stellen, aufmerksam zu lesen. Bislang kannte ich diese noch nicht.

    Ich freue mich auf eine Antwort von Ihnen.

  3. Christian Klaue sagt: Antworten

    Lieber Herr Drepper,

    ich schätze den Kollegen Gerd Graus sehr, aber mit seinem Namen habe ich mich am Telefon noch nie gemeldet. Ich bin Christian Klaue und habe unter Nennung meines Namens am vergangenen Freitag bei Ihnen angerufen. Manchmal rattere ich diesen zu schnell herunter, bin deshalb unverständlich. Aber es war nicht Gerd Graus – es war Christian Klaue, der Sie bat, die als Fakt dargestellte Behauptung, die Unterrichtsmaterialien seien „mit falschen Fakten und Halbwahrheiten gespickt“, als Behauptung zu kennzeichnen und entsprechend zu vermerken, von wem sie stammt.

    Da Nachricht und Kommentar ja immer sauber getrennt werden sollte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass diese als unumstößlicher Fakt dargestellte Behauptung von Ihnen stammt. Denn in Ihrem vorab zugeschickten umfangreichen Fragenpaket tauchte die Frage nach dem Umweltkonzept nicht auf, außerdem handelte es sich nicht um einen Kommentar, weshalb ich ausgeschlossen hatte, dass die Formulierung auf Sie und Ihre Meinung zurückgeht.

    Jetzt haben Sie das Thema hier im Blog aufgegriffen und das gibt mir die Chance, darauf zu antworten.

    Die Behauptung, das Umweltkonzept sei bislang unveröffentlicht, ist nur die halbe Wahrheit. Es ist in öffentlichen Sitzungen von den Parlamenten diskutiert und verabschiedet worden. Auch die Fachkommission Umwelt, in der zahlreiche Umweltverbände mitgewirkt haben, hat das Konzept einstimmig (!) verabschiedet. Allerdings haben Sie recht, dass es das Umweltkonzept bislang noch nicht in seiner Gänze als Dokument für Medienvertreter gab. Dies hat einen einfachen Hintergrund. Die Spielregeln des IOC für Bewerberstädte besagen, dass das Konzept beim Besuch der Evaluierungskommission übergeben und erst anschließend der Medienöffentlichkeit vorgestellt wird.

    Nun zu den Zahlen: Für Sportstätten, die für Olympia benötigt werden, wird weniger als ein Fußballfeld dauerhaft neu versiegelt. Aber temporär werden mehr Flächen zum Einsatz kommen. Hier liegt die Betonung auf temporär.

    Der größte Teil der vorgesehenen 140 Hektar temporärer Flächen wird für Tribünen, VIP-Zelte, Medienbereiche, Nebenflächen für die Sportler, Catering etc. benötigt, so wie es jetzt schon aktuell bei der Ski-WM zu besichtigen ist. Dies sind Nutzungen, wie sie Jahr für Jahr bei vielen Veranstaltungen in Garmisch-Partenkirchen, Bayern und Deutschland vollkommen normal sind und die keine dauerhaften Spuren hinterlassen.

    Häufig würden für die temporären Anlagen schon bestehende befestigte Flächen wie Straßen und Parkplätze genutzt. Dies zeige ich Ihnen gern mal an Beispielen auf: Kandahar – Funktionsflächen 10 ha, davon Parkraum/Straße 4,17 ha oder Münchner Olympiapark – Funktionsflächen 23 ha, davon befestigte Flächen 14 ha und auf bestehenden Sportplätzen 8 ha.

    In Schwaiganger wird es für die Loipenführung tatsächlich in einzelnen Bereichen Baumaßnahmen (=Eingriffe) geben, jedoch längst nicht in der Massivität, wie dies oft dargestellt wird. Die vorhanden Hügel sind ja gerade ein Vorteil, um die notwendigen Höhenmeter bei der Streckenführung abbilden zu können. Um den Rückbau zu garantieren, sind im Budget ausreichend Mittel eingestellt. Außerdem ist durch das bayerische Olympiagesetz ein weiterer Sicherheitsring eingezogen.

    Für das Olympische Dorf in München stellt sich die Situation folgendermaßen dar: Die dauerhafte Bebauung (für den angespannten Wohnungsmarkt in München ein absoluter Glücksfall) wird eine Fläche von ca. 6,6 ha beansprucht. Diese Bebauung ist nach Aussage des Planungsreferats der Stadt aufgrund vorhandener rechtskräftiger Bebauungspläne bereits jetzt möglich (und könnte auch ohne Olympia von der Bundeswehrverwaltung jederzeit ausgeschöpft werden). Der wesentliche Aspekt in diesem Bereich waren (neben dem Plus-Energie-Standard) der Erhalt der geschützten Biotope und der besonders erhaltenswerten (ca. 60-80 Jahre alten) Bäume. Dies ist mit dem Siegerentwurf aus dem Wettbewerb fast vollständig gelungen.

    Ich hoffe, dies hilft, das Umweltkonzept einzuordnen. Selbstverständlich werden wir nach der Übergabe des Umweltkonzepts an die IOC-Evaluierungskommission das Thema im Rahmen eines Pressegesprächs in München erörtern. Dort besteht die Möglichkeit, tiefgehende Rückfragen zu stellen.

    Mit besten Grüßen
    Christian Klaue

  4. Herr Klaue, vielen Dank für die Einladung nach München – auch wenn es zeitlich wohl leider nicht klappen wird, ich bin unterwegs. Ich hoffe aber, dass ich es nach meiner Rückkehr zumindest schaffe, Ihnen noch einmal ausführlicher auf ihre Anmerkungen zu antworten. Bis dahin alles Gute!

  5. Ralf sagt: Antworten

    Herr Klaue, Sie schreiben:

    Der wesentliche Aspekt in diesem Bereich waren […] der Erhalt der geschützten Biotope und der besonders erhaltenswerten (ca. 60-80 Jahre alten) Bäume. Dies ist mit dem Siegerentwurf aus dem Wettbewerb fast vollständig gelungen.

    Vermutlich kennen Sie dann auch das folgende:

    Positiv zu bewerten ist, dass 95 % des als „sehr erhaltenswert“ eingestuften Baumbestandes berücksichtigt wurde. Dagegen wird der als „erhaltenswert“ eingestufte Bestand zu 80 % beseitigt.

    Klingt erstmal gar nicht so schlecht. Genau wie bei den temporären Flächen liegt aber auch hier der Teufel im Detail. Auf dem Bundeswehrverwaltungsgelände stehen nämlich 108 „sehr erhaltenswerte“ und 1594 „erhaltenswerte“ Bäume. Gelungen ist es also, 95% der 108 „sehr erhaltenswerten“ Bäume vor einer Fällung zu bewahren. Demgegenüber werden aber mindestens 1280 „erhaltenswerte“ Bäume der Motorsäge zum Opfer fallen.

  6. Pingback: Geht Umweltschutz und Olympia eigentlich zusammen? | sportinsider

  7. Dake für die spannende Diskussion. Sie hat bei mir auf jeden Fall dazu geführt, mich endlich genauer mit den tatsächlichen Planungen für die Winterspiele zu beschäftigen und auch die eine oder andere Sache kritischer zu hinterfragen. Bin gespannt wie das Fazit nach dem Besuch des IOC Anfang März ausfällt. VG Maria

  8. Christian Klaue sagt: Antworten

    @ Ralf: Vorab soviel – Die Einstufung der Bäume ist von der Naturschutzbehörde vorgenommen worden. Es ist in der Tat so, dass für die Bebauung Bäume weichen müssen. Derzeit ist deren Zahl aber noch nicht bekannt, weil das Bebauungsplanverfahren erst beginnt und die Zahl erst nach der Detailplanung feststeht. Ziel ist es, soviele Bäume wie möglich zu erhalten. Für alle Bäume, die nicht erhalten werden können, wird es selbstverständlich Ersatzpflanzungen geben. Auf dem Gelände würden im angespanntesten Wohnungsmarkt des Landes 1300 neue Wohnungen entstehen, die nach dem Münchener Modell vergeben würden: 30 Prozent Sozialwohnungen, 40 Prozent frei vergeben, 30 Prozent an Interessenten aus der Mittelschicht, wobei Familien mit Kindern bevorzugt werden. Ich denke, umweltschonender geht es kaum. Und das Wohnungen in München benötigt werden, steht wohl außer Frage.

  9. Ralf sagt: Antworten

    @ Christian Klaue:

    Darf ich lachen? Die absolute Zahl der Bäume steht noch nicht fest, aber die Bewerbungsgesellschaft und allen voran OB Ude wissen bereits, daß „95% der sehr erhaltenswerten Bäume“ bewahrt werden können? Sie machen sich lächerlich!

    Und zum Totschlagargument „Wohnungsbau“:
    Wohnungen könnte München auch ohne die Olympischen Spiele bauen, nur billiger und an einem sinnvolleren Ort, was Verkehrsanbindung, Naturverträglichkeit, etc. anbelangt.

    Außerdem sollten Sie in diesem Zusammenhang nicht vergessen, daß wegen der Planungen für das Olympische Dorf zunächst mal mehrere Hundert Münchner ihre Wohnung verlieren würden:

    BN München: Bewohner wehren sich – Unterschriften gegen Abriss eines Appartmenthauses für Olympia

  10. Ralf sagt: Antworten

    Hallo Daniel!

    Das beste, was ich bislang zum Münchner Umweltkonzept gelesen habe:
    „Es sind auch hier sämtliche Wettkampfstätten auch jetzt durch die Skiweltmeisterschaft in diesem Jahr ja alle miteinander schon vorhanden, und das, was zusätzlich hinzukommt, ist ein Flächenverbrauch in der Größenordnung eines Fußballfeldes. Und das wird auch später wieder renaturiert.“
    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1454488/

    Inzwischen wird also auch schon die Fläche, die „dauerhaft“ überbaut werden soll, hinterher wieder renaturiert. Es wird immer besser!

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