Das Doping der Straße

Steigen wir gleich voll ein: Ein Text von mir zum Doping. Nicht zum Leistungssport. Sondern zu dem Doping, das jeden Tag überall in Deutschland die Leute kaputt macht. In Fitnessstudios, Umkleidekabinen, Jugendzentren und privaten Krafträumen. Darüber, wie weit verbreitet es ist. Wer sich dafür nicht interessiert, obwohl er sich zu interessieren hätte. Und wie wenig dagegen getan wird.

(Der Text ist in ähnlicher Form auch im empfehlenswerten zweiten Magazin der Ruhrbarone erschienen. Grundlegende Infos zu Steroiden inklusive einer Doktorarbeit zum Thema gibt es am Ende des Textes)

Es geht um bis zu eine Millionen deutsche Freizeitsportler, die sich bei Wettkämpfen Schmerzmittel einwerfen oder beim Training mit Steroiden aufpumpen. Anabolika bekommen sie über das Internet oder den Dealer auf dem Parkplatz. Gemischt in Asien oder Osteuropa, aber auch in deutschen Untergrundlaboren. Nicht selten werden die teuren Medikamente aber auch über Krankenkassen abgerechnet. Die Behandlung der Spätfolgen zahlt die Gemeinschaft. Trotzdem fühlt sich kaum jemand zuständig, etwas dagegen zu unternehmen.

Wer den Streetworker besuchen will, muss sich über das Haustelefon anmelden. Seine Tür geht nur von innen auf. Der Streetworker, das ist Michael Sauer. Er ist Dopingexperte und seit über einem Jahrzehnt bringt er Jugendliche davon ab, sich Steroide zu spritzen. In Jugendzentren, in Schulen, selbst auf einem Kindergeburtstag hat er schon über Doping diskutiert. Und obwohl er glaubt, dass seine Besuche die jungen Sportler zum Denken anregen, ist er nach all den Jahren frustriert. In ganz Deutschland spritzen sich hunderttausende Jugendliche und junge Erwachsene giftige Substanzen, um sich aufzupumpen. Sauer spricht mit ein paar Hundert im Jahr. Was ist mit dem Rest?

“Ich habe vor demnächst meine erste Testo-Kur zu starten. Alle fünf Tage 500 Milligram. Ich bin 17 Jahre. Will Masse aufbauen.” (wie alle folgenden Einschübe aus dem Forum einer bekannten Bodybuilding-Website)

Doping-Experte Michael Sauer. Foto: Daniel Drepper

Auf Diskussionen mit Sauer nennen die erfahrenen Jugendlichen – meistens männlich – immer wieder ähnliche Gründe für die Muskelzucht. Mehr Leistung, einen besseren Körper für die Mädels im Freibad, Kraft und tatsächlich auch Gesundheit. In Online-Foren tauschen sich tausende über ihre Erfahrungen aus. Was ist der beste Stoff? Wo gibt es das Zeug am günstigsten? Wie groß ist die Wirkung? Die Stoffer, wie sie sich nennen, berichten von 17 Kilo Muskelzuwachs in wenigen Wochen – aber auch von Schlafstörungen, Aggressionen, Depressionen, geschrumpften Hoden, Herzrasen oder Impotenz. Von multiplem Organversagen oder plötzlichem Herztod mal ganz abgesehen.

Jörg Börjesson ist einer derjenigen, die sich körperlich zu Grunde gespritzt, geschluckt, trainiert haben. Als 19-jähriger begann Börjesson mit dem Krafttraining, weil er Asthma hatte und es für gesund hielt, im Fitnessstudio zu trainieren. Schon ein Jahr später lernte Börjesson bei einem Seminar seinen ersten Dealer kennen: Den Seminarleiter, ein erfolgreicher Bodybuilder und Vorbild in der Szene. Dieser drückte ihm ein paar Tabletten in die Hand und versicherte: Die Präparate – die er im Übrigen auch selbst schlucken würde – seien völlig ungefährlich. Nach und nach kaufte Börjesson bei seinem Dealer mehr und härtere Substanzen. Drei Jahre lang ging alles gut, Börjesson legte an Kraft zu, gewann bei Wettbewerben sogar hin und wieder Pokale – er war ein austrainierter Prachtkerl, strotzend vor Kraft, trug bei 1,80 Meter Körpergröße 110 Kilo Muskeln durch die Stadt. Doch auf einmal ging es steil bergab.

Beim Training bekam Börjesson urplötzlich starkes Nasenbluten, ständig hatte er nun Magenkrämpfe, die Verdauung war völlig durcheinander. Als der Dorstener zum Arzt ging, attestierte dieser ihm eine chronische Magenschleimhautentzündung und Gynäkomastie: Börjesson hatte Brüste wie eine Frau – nur waren sie unförmig und hingen herunter. Jahre später ließ er sich operieren. 400 Gramm zum Teil verhärtetes Gewebe mussten aus seinen Brüsten entfernt werden. Die angeblich ungefährlichen Präparate hatten sich als harte Steroide herausgestellt.

Heute, 20 Jahre nach seiner Steroid-Karriere, kann Familienvater Börjesson kaum noch schmerzfrei seinen Alltag bewältigen. Deshalb will er Kinder und Jugendliche davon abhalten, ihr Leben so wegzuschmeißen, wie er es damals tat. In ganz Deutschland und darüber hinaus ist er zu Vorträgen unterwegs. Von den Nebenwirkungen berichtet er und davon, dass ein kräftiger, aufgepumpter Körper nicht glücklich macht. Ganz im Gegenteil. “Ich will das Gesicht des Steroid-Dopings sein”, sagt Börjesson. “So wie es Christiane F. für das Heroin ist.” Börjessons Leben soll als abschreckendes Beispiel dienen.

“Hallo Mädels. Ich habe mit den Nebenwirkungen der Vermännlichung keine Probleme. Manche sind auch sehr nice ;) Okay, der Haarwuchs ist nen bissel lästig, aber was solls. Wozu gibts Rasierer und Co? Und es gibt ja auch Männer, die stehen auf eine größere Klitoris. Im Gegenzug müssen wir Mädels und ja auch unter Umständen mit einem Minipimmel begnügen ;)”

Wie viele junge Menschen in Deutschland ihren Körper mit Medikamten zerstören, ist kaum erforscht. Es gibt wenige Studien zum Thema und erst recht keine repräsentativen Daten für ganz Deutschland. Immerhin: Vor gut zehn Jahren fanden Lübecker Forscher heraus, dass unter den von ihnen befragten Fitnessstudio-Besuchern 22 Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen schon einmal Anabolika genommen hatten. Regionale Folgestudien, unter anderem in Süddeutschland, kamen zu ähnlichen Ergebnissen (-> Infoheft des Robert-Koch-Institutes). Die Kölner Forscher um Michael Sauer gehen von knapp zehn Prozent dopender Studiobesucher aus.

Über 6,3 Millionen Menschen waren vergangenes Jahr in den gut 5700 deutschen Fitnessstudios gemeldet. Das Bundesland mit den meisten Mitgliedern ist Nordrhein-Westfalen. Hier laufen, pumpen, pressen 1,4 Millionen Sportler für mehr Kraft und Gesundheit. Wer trotz der schwachen Datenlage hochrechnet, kommt schnell auf mehrere Hunderttausend Anabolika-Abuser, wie man die Freizeitdoper im Fachsprech nennt. Einige Experten gehen gar von einer Millionen Freizeitdopern aus. Allein in NRW könnte die Zahl bei bis zu 200000 liegen. Oberhausen, Hagen oder Hamm, voll mit Muskelsüchtigen auf Steroid. Ein riesiger Markt.

Ulrich Schulze ist einer derjenigen, die diesen Markt kontrollieren sollen. Seit 30 Jahren ist er beim Zollfahndungsamt in Essen, seinen Laden kennt er bis in den letzten Winkel. Zuständig sind die Essener Zollfahnder fast für ganz NRW. Nur der Regierungsbezirk Detmold im Nordosten wird von den Kollegen aus Hannover kontrolliert. Anabolika, sagt Schulze, haben die Zollfahnder schon immer gefunden. Aber die Tendenz steigt seit Jahren. Erst nach Öffnung des Ostblocks, danach durch das Internet mit Bestellungen aus Indien, China und Südostasien.

“Die Leute, mit denen wir reden, bekommen das Zeug vor allem über Mund zu Mund Propaganda”, sagt dagegen Michael Sauer. Aus dem Kofferraum, zum Beispiel auf Parkplätzen von Fitnesssstudios. Deshalb seien die Gesundheitsbehörden mit ihren Untersuchungen auch vergleichsweise erfolglos. Das Geschäft läuft unter der Hand. In LKWs oder Privatwagen kommen die Substanzen über die Grenze, wie im Drogenhandel setzen die Profis eigene Kurierfahrer ein. Wer sich erwischen lässt, hat sich dumm angestellt. Zu den Fahndungserfolgen der Zollermittler gibt es offizielle Statistiken. Doch die schwanken von Jahr zu Jahr stark. Und die Dunkelziffer ist hoch. Einen Trend hin zu Anabolika erkennen über die Jahre aber sowohl Ulrich Schulze als auch sein Kollege Rüdiger Hagen vom bundesweit zuständigen Zollkriminalamt.

“Heute maximal Bankdrücken. Geboostet mit 300mg effe, 400mg coff, taurin, 70mg halo tabs, 150mg oximetholon, 150mg diana, 75mg ot, 60mg stanozolol liquid, 3mg milberone. Nachher Nasenbluten, großer Durst, oranger Urin. Werde erstmal 30mg diazepan nehmen, um runterzukommen. Leider nur 10 Kilo Steigerung.”

Einige Anabolika aus einem Kölner Untergrundlabor. Foto: Zollfahndungsamt Essen

In NRW haben die Fahnder zuletzt 2008 ein illegales Kellerlabor in der Nähe von Köln ausgehoben, das sich auf die Produktion von Anabolika spezialisiert hatte. Vor einem Jahr war dann das Ruhrgebiet dran. Die Fahnder entdeckten einen Internethandel, der unter 100 verschiedenen Webadressen arbeitete. “Versteckt und verschachtelt aufgebaut, von verschiedenen Stellen im Ruhrgebiet”, sagt Schulze. Sieben Täter, 29.500 Einzeltaten, 2,3 Millionen Euro Umsatz. Mehr als 600.000 Euro beschlagnahmte das Amt. Das Geld lag unter anderem auf Konten in Österreich, Belgien und Spanien.

Rüdiger Hagen vom Zollkriminalamt weiß, dass nur ein kleiner Teil der Produkte tatsächlich gefunden wird. Bei der Zollfahndung werden zwar einige Doping- und Drogennester gezielt zerstört. Und auch in den Frachtzentren der Paketdienste sitzen Zollbeamte mit Röntgenanlage. “Aber das sind natürlich nur Stichproben”, sagt Hagen. Und selbst wenn die Zollbeamten ein Paket mit Steroiden oder Hormonen aufspüren, ist es schwierig, an den Absender heranzukommen. Je nach Stoff und Vorstrafenregister wird zumindest der Empfänger geprüft, aber selbst das nicht immer.

“Will in zwei Wochen meine erste Kur starten, bin aber noch am überlegen ob ich hdrol oder epistane nehmen soll. Dazu AnimalStak, Multivit und am Abend ZMA. Absetzen werde ich mit AX AdvancedPCT, retain2 und Creatin. Nolvadex werde ich mir zur sicherheit auch bestellen.”

Wie Drogen werden die anabolen Steroide gehandelt. Drogendaler sind häufig auch Dopingdealer, die Kundschaft überschneidet sich. In einem Bericht für die Welt-Anti-Doping-Agentur hat der italienische Dopingexperte Sandro Donati vor drei Jahren versucht, Struktur und Volumen des weltweiten Marktes zu beschreiben. Er stellt fest, dass der Handel mit anabolen Steroiden in manchen Regionen nur noch vom Cannabis-Handel getoppt wird und weit mehr Umsatz bringt als Kokain, Ecstasy oder Heroin (hier der Doping WADA-Bericht von Sandro Donati).

Donati schreibt Anfang 2007, dass Pharmaunternehmen seit Jahren immer mehr dopingrelevante Substanzen herstellen, obwohl die Patientenzahlen für Steroide, Wachstumhormon oder EPO vergleichsweise gering sind. Gleichzeitig wollen sich die Firmen nur selten öffentlich zu ihren produzierten Mengen oder zur Problematik äußern. Weltweit würden mit Dopingmitteln laut Donati mittlerweile 15 Milliarden Euro pro Jahr umgesetzt.

Dass das Dopingproblem in der Breite und nicht im so oft thematisierten Spitzensport liegt, stellt auch die Schwerpunktstaatsanwaltschaft München I fest. Seit Anfang 2009 konzentrieren sich hier vier Staatsanwälte ausschließlich auf Dopingverfahren. Die Bilanz fürs erste Jahr: 160 Ermittlungsverfahren, 36 Anklagen, der Großteil im Breitensport. Einer der zuständigen Staatsanwälte ist Thomas Steinkraus-Koch. “Seit wir die Dopingsachen bündeln, haben wir viel gelernt, Kontakte geknüpft und Fälle zugeleitet bekommen”, sagt Steinkraus-Koch. “Andere Stellen haben nur ein paar Arzneimittelfälle im Jahr und noch weniger Dopingdelikte. Da sind wir mit unserer Spezialisierung natürlich im Vorteil.” Auch der Zoll ist über die Zusammenarbeit mit den Münchner Spezialisten glücklich. Allerdings: München steht mit seiner Konzentration auf Dopingverfahren deutschlandweit alleine da. Das immer größere werdende Anabolika-Problem scheint vielen noch nicht groß genug zu sein.

“Moin zusammen. Nimmt jemand Norm-Ject Spritzen (für Testosteron)? Die gehen ja auch und passt auch eine normale Kanüle dran, richtig?“

Dabei sind die anabolen Muskeljunkies nur ein Teil des Problems. Längst dopen sich Studenten, Büroangestellte und Fabrikarbeiter für den Arbeitsalltag. Der Gesundheitsreport der DAK (das PDF: Gesundheitsreport_2009_Doping) aus dem vergangenen Jahr geht von bis zu zwei Millionen Dopern am Arbeitsplatz aus. Bei Kinderärzten und Psychiatern ist das amphetamin-ähnliche Medikament Ritalin in Mode – um zappelige Kinder ruhig zu stellen. Bei einer Befragung der Teilnehmer des Bonn-Marathon (hier als PDF die Schmerzmittel Bonn Marathon Studie) gaben im vergangenen Jahr fast zwei Drittel der Läufer an, bereits vor dem Start Schmerzmittel eingenommen zu haben. Und je ambitionierter die Ziele, desto härter die Substanzen. Dem ambitionierten Amateur-Radsport zum Beispiel sind auch Arzneien wie EPO oder Wachstumshormon nicht fremd.

Ein Amateur-Triathlonteam aus NRW hatte sich vor einigen Jahren über das Internet chinesische Dopingmittel bestellt: Jintropin, ein gentechnisch hergestelltes Wachstumshormon der Firma GeneScience aus Changchun, sowie IGF-1, ein ebenfalls gentechnisch hergestellter insulinähnlicher Wachstumsfaktor. Der Trainer des Teams informierte den Lübecker Dopingexperten Horst Pagel. Dieser ließ die Produkte analysieren: tatsächlich hatten die Triathleten – trotz Internet – saubersten Stoff zu Billigpreisen bestellt. “Das Zeug hat gezündet wie Dynamit”, zitiert Pagel einen der Sportler.

Wachstumshormon.

Eine Batterie Wachstumshormon. Foto: Horst Pagel

Als Mitte November 2007 ein IGF-1-Präparat auch in Deutschland zugelassen wurde (Increlex von Ipsen Pharma), hatten dieselben Triathleten das neue Medikament nur wenige Wochen später von ihrem Hausarzt bekommen, berichtet Pagel. Die Kosten liegen bei rund 1000 Euro pro Tag. Finanziert wird das von allen Krankenversicherten über ihre Beiträge. „Häufig genug werden solche Dopingmittel über die Ärzte bezogen. Auch Apotheker spielen oft eine recht unrühmliche Rolle“, sagt Pagel. Laut verschiedener Studien wie dem bereits erwähnten DAK Gesundheitsreport 2009 liegt der Anteil der Ärzte am Dopingumschlag bei zehn bis 30 Prozent, der der Apotheker bei rund zehn Prozent.

Zum Teil täuschen Sportler Krankheiten vor, zum Teil freunden sie sich privat mit Personen aus dem pharmazeutischen Bereich an, die Zugang zu verschreibungspflichtigen Substanzen haben. Je höher das Leistungsniveau, desto eher ist der Arzt aber selbst in die illegale Praxis eingeweiht. Szenekenner sind von vielen Sportmedizinern angewidert. Die Ärzte würden alles tun, nur um etwas vom Glanz der Athletenerfolge abzubekommen. “Der Wunsch, sich mit dem Vertrauen Berühmter schmücken zu können, führt dann leicht dazu, jede Begehrlichkeit nach Leistungssteigerung zu erfüllen. Dabei sein ist alles”, schreibt auch Wolfgang Stockhausen in Ralf Meutgens Buch “Doping im Radsport”. Stockhausen war betreuender Verbandsarzt des Bund Deutscher Radfahrer. Mittlerweile hat er sich nach zahlreichen negativen Erlebnissen aus der Sportmedizin zurückgezogen.

“Bin jetzt seit 13 Wochen auf Wachstumshormonen, 4 Wochen habe ich das HGH von BM genommen, dann bin ich auf die Geotropin umgetiegen.”

Das Problem ist da. Von der Breite bis in die Spitze. Es zerstört Menschen, es kostet die Allgemeinheit viel Geld. Und es wächst. Wer versucht etwas dagegen zu tun? Die Zuständigkeiten verschwimmen. Ein ökonomisches Interesse müssten die Krankenkassen haben. Theoretisch. Zwar gibt es im fünften Buch des Sozialgesetzbuches den Paragraphen 52, der eine Leistungsbeschränkung bei Selbstverschulden vorsieht. Doch der wird so gut wie nie genutzt. “Eine Niereninsuffizienz wird behandelt und bezahlt. Woher die kommt, ist erstmal zweitrangig”, sagt zum Beispiel der Verband der Ersatzkassen. Rückforderungen über den Paragraphen 52 lägen im Promillebereich. Die Barmer-Ersatzkasse sieht auch ein Abgrenzungsproblem. Schließlich würde selbst die Therapie von Drogenabhängigen von der Allgemeinheit bezahlt. Jeder Gebrauch der Leistungsbeschränkung rüttele an den Grundfesten des Solidarprinzips.

Kaum überprüft werden außerdem die von Ärzten ausgestellten Rezepte. Die Ärzte müssten das unter sich ausmachen und schwarze Schafe ausschließen, verweist die Barmer an die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Bundesärztekammer. Dass dies wenig realistisch ist, zeigt der Fall der beiden Freiburger Sportmediziner Andreas Schmid und Lothar Heinrich. Sie dopten erwiesenermaßen über Jahre zahlreiche Sportler mit verschiedensten Substanzen (die kleine Doping-Untersuchungskommission und ihr Abschlussbericht Freiburg) und gaben dies sogar zu – ihre Approbation hat das Land Baden-Württemberg ihnen trotzdem bis heute nicht entzogen.

Gefunden wird nur ein Bruchteil der gedealten Ware, die Einnahme der Mittel ist nicht strafbar. Nur der Besitz “nicht geringer Mengen” und das Handeln stehen unter Strafe. Wichtigstes Mittel, um das so genannte stoffen einzudämmen, scheint deshalb die Prävention zu sein. Das Problem: Die gibt es kaum. Michael Sauer und Jörg Börjesson sind Ausnahmen – kaum sonst jemand geht auf die Straße und spricht die Jugendlichen direkt an. Dopingprävention ist bislang vor allem auf den Leistungssport beschränkt.

“Tren ist nicht schlecht. Aber ab und zu geht das ganz schön auf die Psyche. Vor allem, wenn man mehrere Nächte schlecht geschlafen hat. Habt ihr keine Aggros oder Psychosen zwischendurch?”

Dopingprävention in Deutschland, das sind einige wenige Kämpfer, die sich auch untereinander manches Mal nicht einig sind. Persönliche Interessen und Probleme verhindern manche Zusammenarbeit. Einige haben sich aufgerieben, andere arbeiten weiter. Unterstützung müssen sie sich hart erkämpfen. „Langfristig müsste man ein Forschungskonzept entwickeln, das die verschiedenen Aspekte des Arzneimittelmissbrauchs von Breitensportlern untersucht, aber das fehlt völlig,” sagt Carsten Boos. Er hatte 1998 die erwähnte erste Studie zum Doping in Fitnessstudios durchgeführt. Wirklich gekümmert wird sich bis heute nur um die knapp 10000 deutschen Kadersportler. „Aber um die Freizeitsportler, die völlig unkontrolliert nebenwirkungsreiche Dopingmittel einnehmen, kümmert sich niemand. Dabei ist das das eigentliche Thema, denn dieser Konsum belastet unser Gesundheitswesen“, sagt Boos, der heute als Orthopäde in der Schweiz arbeitet.

Michael Sauer will mit den Leuten auf der Straße reden. Die Jugendlichen sollen selbst darauf kommen, dass Anabolika auf Dauer nicht glücklich machen. Statt Steroide zu spritzen, sollen sie lieber lernen, vernünftig zu trainieren. So lässt er auch mal eine Kölner Sportstudentin gegen die sich so stark fühlenden Jungs antreten. “Wenn die dann verlieren, machen sie sich schon Gedanken, was da falsch läuft”, sagt Sauer. Auch wenn Sauer nicht bei all seinen Präventionsmitstreitern unumstritten ist – er ist einer der wenigen, die überhaupt direkt mit den Jugendlichen sprechen. Expertentreffen, Diskussionen, Gremien gibt es zuhauf, konkrete Aktionen nur wenige.

Oft genug ist in der Vergangenheit Geld in unsinnige Projekte geflossen. Manch einer unterstellt den Organisationen und Behörden gar, dass an einer umfassenden Aufklärung gar kein Interesse bestehe. Das Problem kleinhalten, so wenig Aufregung wie möglich verursachen. Andere beklagen, dass in der Dopingprävention bei jedem Projekt die immer selben Fehler wieder von vorn gemacht würden, dass kaum ein Lerneffekt da sei. Die Dopingprävention finde auf Steinzeit-Niveau statt – während die Drogenprävention bereits im Weltraum unterwegs sei.

“hallo. ich bin seit über drei jahren wettkampf-bodybuilder und hab mich immer noch nicht ans insulin getraut. hat jemand erfahrungen damit?? wie sehen die erfolge aus? ist der Nährstofftransport in die Zellen so geil wie man immer hört??”

Michael Sauer würde Doping- und Drogenprävention deshalb gerne verbinden, von den Erfahrungen der anderen profitieren. Die Motivlagen der Betroffenen seien zwar unterschiedlich. “Drogenabhängige wollen Abstand zur Gesellschaft. Doper dagegen wollen ein aktiveres Leben haben, wollen mehr Anteil nehmen”, sagt Sauer. Dennoch, glaubt Sauer, könnten die Präventionsarbeiter voneinander lernen.

Zuständig für eine mit der Suchtprävention vernetzte Dopingprävention wäre, so möchte man meinen, das Bundesgesundheitsministerium. Doch das verweist nur knapp an die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen und das Robert-Koch-Institut. Die Suchtstelle führt unter Medikamentenmissbrauch nur Amphetamine, Schlaf- und Schmerzmittel. Das Robert-Koch-Institut finanziert derzeit – ein erster Schritt – eine Studie zum Arzneimittelmissbrauch im Freizeitsport. Die Ergebnisse sollen im kommenden Jahr präsentiert werden. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung will mit dem Thema ebensowenig zu tun haben wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. “Der Bereich Doping und Arzneimittelmissbrauch gehört nicht zu den Projekten unseres Hauses”, heißt es dort in einer knappen Mail. Man solle sich doch bitte an die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA wenden.

Doch der Sport fühlt sich mit dem riesigen Heer der privaten Spritzer und Schlucker “komplett überfordert”, wie es ein im Dopingbereich beschäftigter Beamter formuliert. Es brauche gesellschaftliche Strukturen, der Sport werde das nicht leisten können. Der Freizeitsport falle zwischen die Kompetenzen. Auch die vielbeschworene Nationale-Anti-Doping-Agentur hat laut Stiftungsverfassung lediglich die Aufgabe, Doping im Leistungssport zu bekämpfen und kann Fördergelder nur in diesem Bereich einsetzen.

“Zu meiner im Winter geplanten Testo E. Kur: Dosierung 300mg e5d – ( 20 Wochen ) – reguläres Absetzschema mit Clomi. Diesmal mit im Gepäck: Fina und Ari, welche die östrogenbedingten Nebenwirkungen unterbinden sollten.”

Seit einem Jahr gibt es einen nationalen Runden Tisch Dopingprävention (das Konzept Nationaler_Dopingpraeventionsplan). Mehrmals im Jahr treffen sich Vertreter von etwa 30 verschiedenen Institutionen. Von der NADA über verschiedene Ministerien, Sportverbände, Universitäten, Sportsponsoren oder Ärzte. Für das Jahr 2010 stehen der NADA gut 300000 Euro für die Prävention zur Verfügung. Etwa 30 cent pro deutschem Doper. Für das kommende Jahr ist die gleiche Summe vorgesehen. Zudem fließen die 300000 Euro bislang fast ausschließlich in die Prävention des organisierten Sports. Die NADA glaubt, dass dennoch auch Maßnahmen im Breitensport durchgeführt werden können. “Hier müssen allerdings auch weitere Institutionen tätig werden.” Derzeit werden Trainer ausgebildet, Broschüren erstellt und Infostände finanziert. Jugendliche, die mit dem organisierten Sport in Kontakt stehen, mögen mit diesen Aktionen teilweise in Berührung kommen. In Fitnessstudios oder auf der Straße kommt nichts davon an.

Auch die zuständige Sportministerkonferenz der Länder – an die das Bundesinnenministerium verweist – schreibt, dass der Sport einen Beitrag zur Eindämmung des Medikamentenmissbrauchs leisten könne, “aber nur im Kontext einer allgemeinen gesundheitlichen Strategie zur Eindämmung des Medikamentenmissbrauchs.”

Am Beispiel NRW wird die Hilflosigkeit der Institutionen deutlich. Das Land scheint bemüht, arbeitet unter anderem mit dem Landessportbund zusammen. In Düsseldorf fand 1992 eines der ersten deutschen Anti-Doping-Symposien im organisierten Sport statt. Anti Doping Symposium 1992 Report

Von 2003 bis 2006 gab es in NRW eine Kampagne “Gegen Doping und Medikamentenmissbrauch im Sport”. Und aktuell gibt das Land 50000 Euro für die Dopingprävention im Breitensport. Lehrkräfte werden fortgebildet, Workshops veranstaltet und es gibt Elternabende an Olympiastützpunkten. Aber: All das bleibt haften in den organisierten Strukturen. Es bleibt beim Versuch, das große Problem bleibt unberührt.

“Ich habe mir jetzt Caniphedrin besorgt, laut meiner „Vertrauensperson” ist es aus der Schweiz. Ist 25mg Effe, 200mg Coffein und 500mg Aspirin die korrekte Mischung?”

Während sich Ministerien, Institutionen und Verbände für nicht zuständig erklären, steigt die Zahl der Stoffer. Szenekenner berichten von Jugendlichen, die sich mit Steroiden für die Straße rüsten. Die sich immer stärker über ihren Körper definieren und Muskeln brauchen, um im Alltag zurechtzukommen. Fast wirkten die halbherzigen Versuche, dagegen anzukommen, niedlich. Wäre das Problem nicht tödlich.

Noch ein paar Infos zu Steroiden:
Steroide werden häufig in Form einer Kur gespritzt. Das heißt, dass die Substanzen – oder im schlimmeren Fall die Kombinationen verschiedener Medikamente – mehrere Wochen lang hochdosiert injiziert werden. Steroide haben eine anabole und eine androgene Wirkung. Die anabole Wirkung ist gewünscht, sie verbessert die Eiweißverwertung des Körpers, steigert die Fettverbrennung und sorgt bei entsprechendem Training für zum Teil extremes Muskelwachstum. Das Problem: Auch die androgenen Nebenwirkungen – also die Auswirkungen auf den Hormonhaushalt des Körpers – sind groß. Psychische Probleme, Impotenz, die Vermännlichung von Frauen, der Abbruch des Wachstums bei Jugendlichen, krankhaft vergrößerte Organe bis hin zum Schlaganfall oder Lebertumore sind mögliche Folgen. Der Münchner Anabolika-Forscher Luitpold Kistler hat in einer Doktorarbeit vor vier Jahren zehn gestorbene Anabolika-Konsumenten obduziert, die zwischen 28 und 45 Jahre alt geworden waren. Alle hatten krankhaft veränderte Herzmuskel, etwa bei der Hälfte konnte Kistler Herzinfarkte und deutlich verkleinerte Hoden nachweisen. Bei neun der zehn Anabolika-Abuser war die Leber krankhaft vergrößert. Zusammenfassend sagt Kistler, dass Anabolika zu weit reichenden Organschädigungen führen. Und: Die erspritzten Muskelberge bleiben nicht auf Dauer. Häufig können die Stoffer ihre aufgepumpten Körper nicht halten, fallen nach dem Absetzen regelrecht in sich zusammen – und brauchen die nächste Kur. Da Steroid-Sportler auch besonders anfällig für andere Drogen sind, spricht Kistler von Anabolika als Einstiegsdroge. Der Traum vom perfekten Körper – für manch einen endet er auf dem Obduktionstisch.

Todesfälle durch Anabolika – Doktorarbeit von Luitpold Kistler

17 Responses to Das Doping der Straße

  1. Ich bin beeindruckt… Leider kann ich jetzt keine inhatlichen Kommentare abgeben (Uhrzeit), aber da hast Du ja wirklich gleich einen Riesenartikel online gestellt. Mit nur einem Eintrag bist Du in meinem Reader im Verzeichnis A-Blogger gelandet.

    So und morgen wenn ich ausgeschlafen bin, folgt die harte inhaltliche Immer-Feste-Truff-Kritik ;)

  2. Pingback: Daniel Drepper » Blog Archive » Das Doping der Straße: Michael Sauer im Flipcam-Interview

  3. Was wäre gewonnen, wenn das Triathlonteam hier genannt wird?
    1.Man könnte die Leute wegen Leistungsmissbrauch (der Krankenkassen) anzeigen, schlieslich zahlen wir ja alle dafür unsere Beiträge.
    2.Ich glaube das Gerede nach dem Motto „das machen doch eh alle“ einfach noch nicht. Und daher würde ich es mir wünschen, dass Dopingssünder angeprangert werden. Schon aus Gründen der Abschreckung. Wenn der Fall so stimmt, dann ist der so was von verwerflich (ich persönlich finde es ja noch wiederlicher, sich die Mittel auf Kosten der Allgenleinheit zu erschleichen), das ich gerne wüßte, wer dahinter steckt.

  4. LidlRacer sagt: Antworten

    Hallo,
    dieser Artikel von 2008
    http://www.tagesspiegel.de/sport/russisches-roulette/1278218.html
    bezieht sich offenbar auf den gleichen Fall, wo deutsche Sportler Wachstumshormone aus China bezogen haben, denn es wird identisch zitiert:
    „Das Zeug hat gezündet wie Dynamit“.

    Merkwürdig ist nur, dass es im Welt-Artikel statt um Triathlon-Amateure um „zweitklassige professionelle deutsche Radfahrer“ geht.

    Welche Version stimmt denn nun? Und hatte die Sache irgendwelche Folgen für die Sportler? Wenn nein, warum nicht?

  5. Iwillrefuse sagt: Antworten

    Ich lebe straight edge… und bei jeder Dopingzeile fühle ich mich wohler mit dieser Einstellung. Dass die Muskelberge auch bei jungen zunehmen ist nichts neues. Ist ja fast schon Mode sich zu stählern. Aber lieber dritter, oder ein Körper mit Makel, aber dafür 100%real. Ich bin wie ich bin seit Jahren, fall nicht nach paar Wochen zusammen und weiß woher was kommt. Bin mal gespannt wo „wir“ in fünf oder zehn Jahren stehen, mit wir ist der Sport gemeint.

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