Daniel Drepper

Wer kontrolliert den Sport? Titelthema “Journalist”


“Wenn die Mehrheit der Sportjournalisten sich mit Inszenierung beschäftigt, mit Personalisierung, Pathos, Helden verehrung: Wer beobachtet dann das System, das den Sport umgibt, vereinnahmt, politisiert – und vielen Reporterkollegen die Existenz sichert?” Ronny Blaschke hat im Magazin Journalist über Sportjournalismus geschrieben. Acht Seiten lang ist der Text, er lohnt sich.

Ronny Blaschke hat auch mit mir gesprochen. Über dieses Blog und die Motivation dazu. Offenbar haben die Sportchefs von ZDF oder FAZ aber schlauere Sachen gesagt.

Erwähnt sind Anja Perkuhn, Jonathan Sachse und ich aber dennoch. Blaschke schreibt: “Talente wie Daniel Drepper, Mitglied des WAZ-Rechercheressorts, Anja Perkuhn, Volontärin der SZ, oder der freie Autor Jonathan Sachse folgen dem Modell des freien Journalisten Jens Weinreich und schaffen in Blogs Öffentlichkeit für sportpolitische Themen.”

Anja, Jonathan und ich hatten vor kurzem gemeinsam von der Konferenz Play the Game gebloggt und dort auch Ronny Blaschke kennengelernt.

Noch besser wäre es natürlich, wenn in großen Medien mit entsprechender Reichweite mehr Platz für harte Recherchen wäre.

Der Text lässt alle Seiten zu Wort kommen, findet trotzdem eine kritische Haltung. Zwei gute Stellen will ich zitieren.

„Berichte journalistischer Relevanz muss man mit der Lupe suchen“, sagt Herbert Fischer-Solms. „Dabei gibt es kaum ein Ressort, in dem der Spielraum so groß ist wie im Sport.“ Nach 38 Jahren beim Deutschlandfunk geht Fischer-Solms in diesem Monat in den Ruhestand. Der Deutschlandfunk berichtet über Doping, Korruption unter Funktionären, Stasi-Verstrickungen von Trainern, Wettbetrug, Fangewalt, Missbrauch von Athletinnen. Fischer-Solms betrachtet den Sport nicht als Ergebnisfabrik, sondern als Kulturgut, als Forum für Debatten, etwa über Schulsport, Rehabilitation, Behindertensport, Integration, Ethik. Dass er als Nischenreporter gilt, sagt mehr über die Entwicklung des Systems Sport aus als über ihn selbst.”

Und später:

Die Mehrheit der Sportjournalisten verengt die Pyramide traditionell auf ihre Spitze: Nationalmannschaft, Bundesliga, Olympia. Eine Kontrollinstanz dieses Apparats hat sich nie etablieren können. Gibt es ein anderes journalistisches Ressort, das so wenig mit den Grundsätzen des Journalismus zu tun hat? Die Folge ist laut Philosoph Gunter Gebauer: „Millionenschwere Sportler, Trainer und Funktionäre werden dem Alltag enthoben und wie Schauspieler und Sänger hofiert, die sich moralisch auch mal einen Fehltritt leisten können. Sie werden von Journalisten zurückhaltender bewertet als Politiker und Wirtschaftsmanager.“ Hätte die Korruption in der Fifa genauso gedeihen können, wenn nicht nur eine Handvoll Journalisten Druck ausgeübt hätte, sondern eine Hundertschaft?

Der Journalist hat außerdem ein Portrait über Hajo Seppelt im Blatt. Autor Ralf Geißler hat Seppelt unter anderem vor knapp drei Wochen bei der Netzwerk Recherche Konferenz “Tunnelblick – Woran Recherchen scheitern können” in Köln begleitet, wo Seppelt einen Vortrag über seine UCI-Recherche gehalten hat.

Online ist bisher lediglich der Text von Philipp Selldorf über den Alltag eines Fußball-Reporters online.

Sollten auch der Text von Ronny Blaschke und das Porträt über Seppelt online gehen, ergänze ich die Links hier und mache bei Twitter und Facebook darauf aufmerksam.

Zusätzlich gibt es im aktuellen Journalist noch ein Interview mit Roman Steuer, der Sky Sport News HD aufbaut. Dieser Sender ist genau das, was die sportjournalistische Berichterstattung in Deutschland meiner Meinung nach eben nicht braucht.

Selldorf schreibt dazu in seinem Text: “Ob das neue Angebot den allgemeinen Erkenntniswert steigert? Dass dieser Nachrichten-Kanal seine Mittel nutzt, um veritable Nachrichten zu ermitteln – zum Beispiel die Machenschaften der Magnaten vom Weltverband Fifa zu recherchieren –, das ist kaum zu erwarten.” Freundlich formuliert.

Kontakt: daniel.drepper (ät) gmail.com // 0176 611 96 014

  1. 1. Dezember 2011 - Antworten

    Ich habe mir heute sogar die Zeit genommen, die halbe Stunde Livestream vor dem Launch und anschließenden Sendebeginn zu verfolgen. Es wird alles bestätigt, war leider auch nicht anders zu erwarten.

    Aufmacher mit einem Grußwort von Blatter, Phrasen von Beckenbauer und Twitterkönig Becker. Heute ging ein 24h Sportentertainment Sender live, aber kein journalistischer 24h Sportsender.

  2. 1. Dezember 2011 - Antworten

    Grußwort von Blatter? Geil! 24h Sportentertainment Sender ist schön ausgedrückt.

  3. 1. Dezember 2011 - Antworten

    Eine etwas andere Frage: Hast Du die Beiträge bisher nur online gelesen oder auch schon das Magazin bekommen? Ich habe schon seit gut einem Monat so die Vermutung, dass bei meinem Verbandswechsel von HH nach RLP nicht alles so einwandfrei geklappt hat. Seitdem keinen “journalist” mehr bekommen. Und gerade diesmal scheint er sich ja wirklich zu lohnen.

    • 1. Dezember 2011 - Antworten

      @Fabian Fiedler

      Ich hab das Magazin unter epaper.journalist.de gelesen. Per Post hab ichs noch nicht. Also kann es sein, dass es morgen kommt.

  4. 2. Dezember 2011 - Antworten

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  5. 6. Dezember 2011 - Antworten

    Der Text war gut, keine Frage, allerdings auch nicht unbedingt neu. Das schon wieder Weischenberger 1976 zitiert wird – Die Außenseiter der Redaktion – mag dafür stellvertretend stehen. Das Thema Sportjournalismus wird eigentlich in regelmäßige Abständen von den Medienredaktionen durchgekaut, immer wieder mit dem gleichen Tenor, dem gleichen Zungenschlag. Das spricht nicht gegen das Thema, es zeigt ja vor allem, dass sich im Grunde in all den Jahren nix geändert hat, außer, dass der gleiche Quark heute noch schneller und von noch mehr Leuten reproduziert wird. Ich hätte es schöner gefunden, wenn in dem Text mehr auf alternativen, anderen Sportjournalismus eingegangen worden wäre, wie er auch hier praktiziert wird. Mehr Dogfoods, statt immer wieder Uli Köhler. Mehr Mut machen, mehr Alternativen zeigen, dass es auch anders geht, als immer nur das wiedergeben, was wir doch letztlich schon seit den 70ern wissen.

  6. 6. Dezember 2011 - Antworten

    Ich finde den Text als Überblick gut. Absicht war, die Entwicklung aufzuzeigen: Warum ist der Sportjournalismus heute so, wie er ist – und die Leute zu Wort kommen zu lassen. Ich sehe das Problem des Themenschwerpunktes eher in den übrigen drei Texten. Was bringt mir der Selldorf-Text? Was hat Sky Sport News HD mit Journalismus zu tun? Wer kennt Hajo Seppelt NICHT? Da hat man viel Platz verschenkt. Diesen Platz hätte man zum Beispiel so nutzen können, wie du es vorschlägst, sicherlich. Oder man hätte mal einen inhaltsanalytisch angehauchten Vergleich angestellt. Oder man hätte mal ressortfremde Kollegen schreiben lassen. Oder man hätte jemanden portraitiert, der nicht so bekannt ist. Zum Beispiel Herbert Fischer-Solms. Oder …

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