Sport an der Grenze zur Sucht – mein Erfahrungsbericht

Zehn Jahre Sport, immer mehr, immer schneller. Wo ist die Grenze zur Sucht? Macht mich Sport wirklich glücklich? Seit ich 15 Jahre alt bin, bin ich Läufer, später auch Triathlet. Mein Erfahrungsbericht, den ich für das vierte Print-Magazin der Ruhrbarone geschrieben habe.

Nicht schon wieder: Ein schrappendes Wummern, für mich ist das in diesem Moment das schlimmste Geräusch der Welt. 20 Meter, zehn Meter, fünf Meter – vorbei; dieser alte Sack fliegt in Richtung Ziel und mein Rad klebt auf dem rauhen Asphalt, als hätte ich gestern erst die Stützräder abgeschraubt. Und der nächste: Schrappen, wummern – vorbei. Ihr Zeitfahrmaschinen mit Scheibenrädern, ich hasse euch. Trotzdem habt ihr mir die Augen geöffnet.

Ich fahre durch die Felder von Horst an de Maas. Heute steigt in Holland die Europameisterschaft im Langdistanz-Duathlon: 15 Kilometer Lauf, 60 Kilometer Rad und zum Abschluss nochmal 7,5 Kilometer Lauf. Ich habe mich angemeldet, bevor ich wusste, dass es eine Europameisterschaft ist. Als ich davon erfuhr, dachte ich noch: Kein Problem, ich bin fit. 24 Jahre alt, voll im Saft, was soll schiefgehen?

Beim Laufen bin ich allein für mein Glück verantwortlich
Es gibt so viele Gründe für ambitionierten Sport. Egal ob Schule, Studium, Beruf oder Beziehungen: Alles in meinem Leben bekommt nur durch das Urteil anderer eine Wertigkeit. Immer bewerten andere, wie gut ich war; subjektiv. Beim Laufen und im Triathlon zählen Zahlen, nichts anderes. Wenn ich versage, dann bekomme ich es von der tickenden Uhr im Ziel knallhart in die Fresse geschrien. Nach jedem Intervall-Training, bei jedem Wettkampf weiß ich, ob ich scheiße war oder gut. Und ich weiß: Da will mir niemand einen Gefallen tun, ich bin wirklich besser geworden – und der einzige, der dafür verantwortlich ist, bin ich.

Eine Stunde nach dem Startschuss in Horst an de Maas schlägt Selbstmitleid um in Wut. Auf der Radstrecke wummern junge, alte, dicke, dünne Sportler an mir vorbei. Wofür habe ich monatelang trainiert, wenn mir hier Typen um die Ohren fahren, die meine Väter, sogar Großväter sein könnten? Nach zehn Jahren Ausdauersport frage ich mich zum ersten Mal: Warum? Sind zehn Stunden Training die Woche verschwendete Lebenszeit? Macht mich Sport wirklich glücklich?

Vor mehr als zehn Jahren habe ich mit Ausdauersport begonnen, erst Ende April 2010, bei dieser Europameisterschaft in Holland, kommen mir ernste Zweifel. Davor war es ein mehr, ein immer mehr; ohne Rücksicht auf Verluste. Wo ist die Grenze zur Sucht?

Meine heutige Verlobte habe ich oft nur alle paar Wochen kurz gesehen – wenige Tage im Monat. Trainiert habe ich dagegen sechs, acht, zehn Mal in der Woche. Auch wenn wir nur ein oder zwei Tage füreinander hatten, saß ich bis zu vier Stunden auf dem Rad. Meine Freundin war enttäuscht, sie war wütend – und ich habe nicht verstehen wollen, warum. Natürlich wusste ich, dass sie recht hat. Aber ich habe geblockt, mein Ding durchgezogen und Konsequenzen ausgeblendet. Ich habe in Kauf genommen, dass ich sie damit verletze.

Nur maßlos egoistisch oder schon krank?
Einen Tag waren wir lange unterwegs, kamen erst abends zurück und sie wollte mit Magenschmerzen zum Arzt. Ich habe zwei Stunden auf dem Rad trainiert. Ich habe sie und ihre Schmerzen allein im Bett liegen lassen, habe mich mit dem Rad aus dem Staub gemacht, um mich und meinen Körper zu befriedigen. Ist das nur maßlos egoistisch oder schon krank?

Mit 14 war ich ein bisschen pummelig, übers Laufen nahm ich ab, war auf einmal dünn und relativ schnell. Irgendwann war Laufen mein Lebensthema: Kein Alkohol, wenig Essen, Training. Ich hatte etwas gefunden, das ich gut konnte; besser, als alle anderen in meiner Klasse, in meinem Heimatdorf. Etwas, in das ich mich zurückziehen konnte. Ich hatte etwas gefunden, dass als Entschuldigung gelten konnte. Ich habe heute keine Zeit, ich muss trainieren. Ich trinke heute keinen Alkohol, ich habe morgen einen Wettkampf.

Als pubertierender Jugendlicher mit vielen Fragen und wenig Halt habe mich nicht ausprobiert, bin so gut wie nie über die Strenge geschlagen, habe kaum Mädchen kennengelernt. Ich war Läufer. Meine Entschuldigung vor mir selbst, vor meinen Schwächen und Ängsten war immer die gleiche.

Zwölfmal am Tag auf die Waage
Ich habe es geliebt, schöne, schlanke, muskulöse Waden zu haben, an denen andere ablesen können, dass ich Sportler bin. Über den Sport versuchte ich meinen Körper zu kontrollieren. Es gab Tage, an denen habe ich mich ein Dutzend Mal auf die Waage gestellt habe. Vor jedem Essen, nach jedem Essen, einfach so, zwischendurch. An Ostern gab es bei meiner Oma Kuchen, ich habe mir ein Brot mit Ei gemacht.

Bis heute kann ich abends auf 100 Gramm genau vorhersagen, wie viel ich am nächsten Morgen wiege. Etwa 800 Gramm verliere ich beim Schlafen. Ich weiß, wie schwer Boxershort und T-Shirt sind, zusammen etwa 300 Gramm, bei schweren T-Shirts 400. Mit 17 Jahren habe ich bei knapp 1,80 Meter noch 59,6 Kilogramm gewogen, obwohl mir meine Eltern für unter 60 Kilogramm ein Sportverbot angedroht hatten. Ich habe es nicht erzählt und bin Bestzeit gelaufen.

Im Sport vor dem Leben flüchten
Die ersten Meter auf dem Rad hatte ich oft ein schlechtes Gewissen; wenn Endorphin, Dopamin und Adrenalin mein Gehirn strömten, war es damit meist schnell vorbei. Ich kenne Leistungssportler, die durch Sport vor dem Leben flüchten; weil sie dem Druck in Schule, Studium und Beruf nicht standhalten; weil sie keine Lust auf die täglichen Problemchen haben. Wenn meine Freundin mich genau darauf ansprach, habe ich es brüsk zurückgewiesen, habe mein Problem verleugnet. Es war ihres und nicht meines.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin kein toller Supersportler; hunderte, tausende sind besser. Ich habe nie irgendwas Nennenswertes gewonnen, bei Straßenläufen reicht es meist für einstellige Platzierungen, aber nicht mehr. Zehn Kilometer in 36:27, Halbmarathon in 1:20:56: Ich bin ambitionierter Durchschnitt. Tausende investieren mehr in den Sport. Sind die alle falsch im Kopf?

Wenn ich nicht trainiert habe, habe ich mich schuldig gefühlt. Ich habe mir Trainingspläne geschrieben, später gegen Bezahlung schreiben lassen, und mich sklavisch dran gehalten. Wenn ich zwei Wochen vor einem Wettkampf eine Einheit auslassen oder auch nur abbrechen musste, habe ich gerechnet, wie viel mich das im Wettkampf kosten wird. Das Hungern, das Trainieren, das im Laufen Verstecken und Verschanzen war irreal, aber es hat mir Sicherheit gegeben. Ich hatte meine eigene Welt. Vielleicht habe ich deshalb den Sport zu Beginn der Beziehung auch über die Interessen meiner Verlobten, über unsere gemeinsamen Interessen gestellt. Weil ich es jahrelang nicht anders kannte und meinen Schutzraum nicht verlassen wollte.

…dann will ich wengistens gut laufen können
Ich konnte nicht mehr zurück. Nicht nur ich habe mich über das Laufen definiert, auch meine Freunde, meine Verwandten und entfernte Bekannte sahen in mir bald nur noch den Läufer, sprachen mich ständig auf mein Training, meine Zeiten an. Mir hat das geschmeichelt, es war eine Bestätigung – und gleichzeitig eine Belastung. Wenn ich schon kein cooler Trinker, Kiffer, Checker bin – dann will ich wenigstens gut laufen können.

Foto: Stefan Schwenke (sportsprecher.de)

Fotos von Stefan Schwenke (sportsprecher.de)

Was ich am Sport liebe: In federleichten Schuhen auf Asphalt zu rennen bis die beißende Luft die Lunge aus dem Hals zieht; nach Rad-Intervallen fast vom Rad zu fallen und Schweiß und Schnodder auf die Schenkel tropfen zu lassen, weil ich weder Kraft noch Lust habe, das zu verhindern; das sinnlose, breite Grinsen und die Leere im Kopf nach einer harten Einheit; am Morgen danach die Waden zu spüren, bei jedem Schritt.

Das Geilste ist der Schmerz nach dem Schmerz. Nach einem erfolgreichen Wettkampf auslaufen, mit steifen, krampfenden Beinen – da geht kaum was drüber. Last und Anspannung sind abgefallen, der Körper sendet mit jedem Schritt ans Gehirn: Du hast es geschafft. Und im Idealfall habe ich im Ziel eine Grenze verschoben, das Gefühl ist unvergleichlich.

In Horst an de Maas habe ich keine Grenze verschoben. Im Gegenteil. Obwohl ich große Pläne für Holland hatte, landete ich nach dreieinhalb Stunden nur im Mittelfeld. Die Motivation: gebrochen. Das Maß von Aufwand und Nutzen stand in keinem Verhältnis.

Nicht mehr einzwängen ins Sport-Korsett
Ich habe meine Verlobte vernachlässigt, meine Freunde, meine Familie. Ich habe mein Studium schleifen lassen und habe weniger und schlechter gearbeitet. Mir ist vieles bewusst geworden. Ich möchte meiner Verlobten die Zeit geben, die sie verdient. Ich möchte Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen, auch mal einen drauf machen, mich nicht einzwängen in das Sport-Korsett. Für Laufen und Triathlon habe ich mein ganzes Leben gekürzt, habe Zeit abgezwackt, wo ich sie nicht hätte abzwacken dürfen.

Für Familie, Freunde und Karriere war die Europameisterschaft ein Glücksfall. Laufen, Radfahren, Schwimmen macht glücklich, aber wenn es das Wichtigste im Leben wird, wird es zu wichtig. Die Sucht – wenn es denn eine war – halte ich in Schach.

Ein Jahr später, 8. Mai 2011, Mainz. Ich laufe mich für den Gutenberg-Halbmarathon ein. Meine Arme kribbeln und ich muss eine Träne verdrücken vor Glück. Früher bin ich 20, manchmal 30 Wettkämpfe im Jahr gelaufen, in diesem Jahr mache ich keine zehn. Aber ich genieße sie. Voller Lust sprinte ich die ersten Meter mit der Spitzengruppe, genieße das Gefühl zu fliegen, auch wenn ich weiß, dass ich am Ende des Rennens dafür bezahle.

Seit Herbst 2010 habe ich Probleme mit der Bandscheibe. Vielleicht hat sich der Körper geholt, was er brauchte; vielleicht hat der Rücken gemerkt, dass der Kopf nicht mehr will. Ich habe monatelang kaum trainiert und konnte nicht bei Wettkämpfen starten. Wie habe ich es vermisst. So sehr ich die Sportfreaks in Horst an de Maas oder Mainz bemitleide, so sehr wünsche ich mir manchmal, wieder einer von ihnen zu sein.

Diesen Text habe ich im Sommer 2011 geschrieben. Seitdem ist der Rücken nicht besser, das Training noch seltener, das Gewicht mehr geworden. Ich bezweifle, dass mir ein Sportpsychologe damals eine Sportsucht diagnostiziert hätte, habe es aber auch nicht überprüft. Grundsätzlich möchte ich in Zukunft häufiger etwas zu diesem Thema machen. Über Diskussionen freue ich mich. In den Kommentaren, per Mail, am Telefon oder persönlich.

Für das vierte Ruhrbarone-Magazin habe ich noch zwei weitere Geschichten geschrieben: Über Menschen mit Behinderungen, die von den Behörden schikaniert werden und über den Shopping-Mall-Betreiber ECE. Das Magazin, für das auch viele tolle Kollegen schreiben, kann man hier bestellen.

Daniel Drepper beim Sport, wie Christoph Koester ihn sieht. / Illustration: Christoph Koester

Daniel Drepper beim Sport, wie Christoph Koester ihn sieht. / Illustration: Christoph Koester

18 Responses to Sport an der Grenze zur Sucht – mein Erfahrungsbericht

  1. Bewundere deine Disziplin, die du inne hattest. Ganz nach Kahn, „immer weiter“. Nur gut, dass auch du irgendwann nach der pubertierenden Mittelstrecke den Regler gefunden hast. Ging mir in anderen Disziplinen ähnlich (Counterstrike-Training…), aber nicht wirklich vergleichbar.

    Die Kurzhaarfriseur hatte nur aerodynamische Gründe, nehme ich jetzt einfach mal an. Hoffe ich.

    Starker Text, sauguter Einblick!

  2. stoneisland51 sagt: Antworten

    Bin 10 Jahre gelaufen, beide Kniegelenke verschlissen, trotz der besten Laufschuhe, dazu
    20 J. Rennrad. HWS-Verschleiss! Fahrradfahren
    geht nur noch aufrecht und per Tiefeinsteiger.
    Schwimmen bleibt, aber das Wasser muss warm
    sein! Ich finds erschreckend! Bin erst 60.

    • Das ist Mist! Wobei die Frage bleibt, ob es am Sport lag – oder ob es auch so passiert wäre. Bei meinem Rücken bin ich mir da nicht sicher. Denke am Schreibtisch hocken hat großen Anteil.

  3. @Jonathan: Ernährungstechnisch hatte Daniel da vielleicht/wohl die Grenze ins Ungesunde bzw. Zwanghafte übertreten, die Zeit womöglich auch nicht immer in den richtigen Ecken gesucht. Aber es gibt viele Hobby- und Amateur-Triathleten, die trainieren sogar 15 Stunden und mehr, gehen nur in der Off-Season zu Parties und trinken ebenfalls keinen Alkohol – das sind trotzdem noch normale Menschen und oft glücklich verheiratet. Ich finde das als Lebensentwurf an sich legitim, nicht grundsätzlich pubertär. Wer den Ausdauersport wirklich leistungssportlich betreibt, der muss den Sport durch und durch leben. Und das ist völlig in Ordnung.

  4. Sehe ich auch so, Fabian. Ich finde den Lebensentwurf auch nicht grundsätzlich falsch. Ich habe nur das Gefühl, dass es – grade im Triathlon – extrem schnell kippen kann. Sieben Mal die Woche ne Stunde laufen – zeitlich ist das drin. Aber Triathlon, vierstündige Rad- oder Koppeltrainings fast jeden Samstag. Oder mehr. Das ist sehr grenzwertig, finde ich.

  5. Ich finde das als Lebensentwurf an sich legitim, nicht grundsätzlich pubertär.

    Indeed. Mein Computerspiel-Vergleich würde ich mit 10 Sekunden mehr Kopfarbeit nicht noch einmal bringen ;)

  6. Lieber Daniel. Ein verdammt persönlicher Text, erschütternd, mutig und berührend zugleich. Ich bin sprachlos und beeindruckt. Dies ist nicht pathetisch oder anbiedernd gemeint: Meine Hochachtung.

  7. Pingback: Von verlorenen Köpfen » Fabian Fiedler

  8. Ein sehr guter Text, weil sehr persönlich und zum Nachdenken und Diskutieren einladend. Ich habe beruflich mit suchtkranken Menschen zu tun (Alkohol, illegale Drogen usw.) und trainiere selbst 15 bis 20 Stunden Triathlon. Ich bin davon überzeugt, dass es bei jeder Sucht um die Sucht nach Anerkennung, nach Schulterklopfen, nach der Befriedigung eines nach Zuwendung schreienden Egos, geht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die viel Sport ausüben in Sachen Selbstvertrauen, gewinnen können, sowie Richtung und Perspektiven ermöglichen. Aber Du hast Recht…es geht darum immer wieder zu hinterfragen: o.k., warum mache ich das Ganze ? Ist das gesund für mich und die Menschen um mich herum ?

  9. @Hans-Peter Dannenberg: Sport gibt definitiv Selbstvertrauen, Richtung, Perspektiven, Halt, schöne Erlebnisse. Sehe ich genauso. Und weil Du andere Süchte ansprichst: Lieber zu viel Training, als illegale Drogen (auch wenn sich das jetzt sehr klischeemäßig anhört).

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