Doping im Fußball, Handball und Eishockey

Doping im Fußball. Gibt’s das? Klar gibt’s das. Auch wenn es kaum diskutiert wird. Juventus Turin war in den 90ern systematisch gedopt, auch mit EPO. Spieler von Barca und Real sollen angeblich bei Ulles Gynäkologen Eufemiano Fuentes gewesen sein. Erst kürzlich hat der französische Doping-Experte Jean-Pierre de Mondenard ein Buch zum Thema veröffentlicht. Wie wird Doping im deutschen Fußball bekämpft?

Für ZDFonline und den Deutschlandfunk habe ich zum Thema „Dopingkontrollen in Teamsportarten“ recherchiert.

Das Wichtigste
Wettkampfkontrollen gibt es. Doch Wettkampfkontrollen bringen außer Abschreckung nicht viel. Die meisten Dopingmittel sind nach wenigen Stunden nicht mehr nachweisbar, gespritzt und geschluckt wird eher an Trainingstagen. Doch wer kein Nationalspieler ist, wird in deutschen Teamsportarten so gut wie nie im Training kontrolliert.

Der Anlass
Aufhänger für die Recherche war Florian Busch, einer der besten deutschen Eishockey-Spieler. Busch will nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen. Ein Grund dafür sollen wie zuvor schon bei seinem Kollegen Sascha Goc die Meldepflichten der Nationalen Anti Doping Agentur sein.

Die Regelung
Eishockeyspieler, die nicht fürs Nationalteam spielen, müssen sich nicht selbst bei der NADA melden, das machen ihre Vereine für Sie. Genau so läuft es im Fußball. Gemeldet werden laut NADA die offiziellen Trainings- oder Reha-Zeiten. Privat werden die gut verdienenden Hochleistungs-Profis im Fußball- und Eishockey dagegen nicht behelligt. Im Handball gibt es gleich mal überhaupt keine Trainingskontrollen.

Die Zahlen

Wettkampfkontrollen

  • Im Fußball (Saison 2009/2010) immerhin 1600 Wettkampfkontrollen. Allerdings in folgenden Ligen: Erste, zweite und dritte Bundesliga, alle drei Regionalligen, die Frauen-Bundesliga und je drei Junioren-Bundesligen für A- bzw. B-Jugendliche. Also: 13 Spielklassen. Ich überschlage mal grob auf fünftausend Spieler. Wobei die Kontrolldichte in den oberen Ligen natürlich deutlich höher liegt, als in der B-Junioren-Bundesliga.
  • Im Eishockey (2009) 32 Kontrollen für die geschätzt 400 Spieler der ersten Liga
  • Im Handball (2009) 44 Kontrollen für die 53 Vereine der ersten und der beiden zweiten Ligen, ich tippe mal auf gut 1000 Spieler.

Trainingskontrollen

  • Im Fußball für die laut DFB 1200 Spieler der ersten beiden Ligen inklusive der Kontrollen der Nationalspieler 500 Trainingskontrollen. Wobei sicherlich ein Großteil auf die 50 Männer- und Frauen-Nationalspieler entfällt, viel bleibt da für die restlichen Spieler nicht übrig. Ich überschlage grob, dass ein durchschnittlicher Fußball-Profi statistisch gesehen in Deutschland alle vier Jahre im Training kontrolliert wird.
  • Im Eishockey in der ersten Liga 60 Trainingskontrollen, plus die Kontrollen für Nationalspieler. Also in etwa alle sechs Jahre eine Kontrolle pro Spieler.
  • Im Handball gab es außer den Kontrollen für die 2011 voraussichtlich 24 Herren-Nationalspieler überhaupt keine Trainingskontrollen. Eine Einladung zum dopen.

Die Eishockey-Liga gibt eine „hohe fünfstellige Summe“ für das Kontrollsystem aus, näheres will niemand sagen. Bei den Handballern sind es 20000 Euro. Zahlen für den Fußball habe ich nicht.

Die NADA-Richtlinien
Die NADA organisiert ihre Trainingskontrollen über das ADAMS-System. Die Athleten geben im Internet ihre Erreichbarkeit an. Es gibt drei Stufen für die Meldepflicht. Zusammengefasst:

RTP (Registered Testpool): Die Athleten geben ihren Aufenthaltsort drei Monate im voraus an. Kurzfristige Änderungen müssen sofort gemeldet werden. Zusätzlich gibt es eine feste Kontrollstunde pro Tag.

NTP (Nationaler Testpool): Die gleichen Regeln wie der RTP, nur ohne feste Kontrollstunde. Hier sind die Nationalspieler der Teamsportarten organisiert.

ATP (Allgemeiner Testpool): Die ATP-Athleten geben quasi nur ihre Adresse und Handynummer an.

Eingeteilt wird nach Risiko. Kraft- und Ausdauersport sind für die NADA sehr gefährdet, Teamsportarten weniger, Gymnastik fast gar nicht. Wer es genau wissen will: Die Risikobewertung der NADA als PDF. Es fließen neben dem physiologischen Risiko und empirischen Daten (aufgeflogene Doper/1000 Kontrollen) auch Dinge wie finanzieller Anreiz und mediale Beachtung ein. Ob Fußball da nicht ein wenig stärker überwacht gehört?

Die Verteidigung
Der DFB sieht sich mit seinem Kontrollsystem gut aufgestellt. Seit dem Fall Hoffenheim gebe es neben den vom DFB ausgewählten Medizinern zusätzlich vom DFB ausgewählte Chaperons, die für den ordentlichen Ablauf der Wettkampfkontrollen zu sorgen. So sei die „Überwachung der zur Kontrolle ausgelosten Spieler nach Ende des Wettkampfs strenger als bei jeder anderen Mannschaftssportart“ schreiben die Anti-Doping Verantwortlichen Bettina Löw und Rainer Koch.

Die Deutsche Eishockey-Liga sieht sich als Vorreiter, weil sie als erste Liga den kompletten Vorgang – vom Test bis zur Bestrafung – an die NADA gegeben hat. Das war im April 2009. Nachdem Florian Busch im März 2008 eine Dopingprobe verweigert hatte – der Fall ging bis vor das Weltsportgericht CAS – wollte die DEL 100-prozentige Rechtssicherheit. „Unsere Anti-Doping-Ordnung ist fast eine Kopie des NADA-Codes“, sagt Jörg von Ameln, Leiter Spielbetrieb der DEL. Die geringeren Meldepflichten bei Teamsportarten begründet der Anti-Doping-Mann vom Deutschen Eishockey Bund Eckard Schindler damit, dass sich Einzelsportler den Kontrolleuren durch Trainingslager und wechselnde Aufenthaltsorte leichter entziehen könnten.

Die Handballer sagen, bis auf den „unglücklichen Fall des Lemgoer Torwarts Martin Galia“ habe es bisher noch keine Dopingfälle im Handball gegeben. Außerdem seien die Handballer knapp bei Kasse. Der Justiziar der Handball-Bundesliga und Ex-Nationaltorwart Andreas Thiel sagt, die NADA habe nicht mehr als das nun installierte Wettkampfkontrollsystem verlangt und es gebe ohnehin rechtliche Schwierigkeiten. Das rechtliche Thema wird seit langem diskutiert. Dazu kommt hier bestimmt irgendwann einmal mehr. Fürs Erste ein kurzer O-Ton von Andreas Thiel, den ich bei einem Besuch im Dortmunder Willi-Daume-Haus aufgezeichnet habe, der Zentrale der „Autohersteller“-Handball-Bundesliga und des Deutschen Handball Bundes:

Andreas Thiel Justiziar HBL

Das Fazit
Doping wird in Teamsportarten so gut wie nicht bekämpft. Die Zahl der intelligenten Kontrollen ist lächerlich. Wer kein Nationalspieler ist, muss kaum Kontrollen fürchten. Obwohl die meisten der so gut wie gar nicht kontrollierten Teamspieler mit ihrem Job gutes Geld verdienen. Mehr als manch ein streng kontrollierter Individualsportler. Natürlich ist das Doping-Risiko im Gewichtheben oder Triathlon höher als im Handball. Und natürlich ist es schwierig und vielleicht auch rechtlich grenzwertig, ganze Profiligen die Meldepflicht aufzuzwingen. Andersherum kann mit obiger Bilanz niemand ernsthaft von einem „Anti-Doping-Kampf“ sprechen. Dann sollte man es formulieren, wie es ist: Es gibt in Teamsportarten kein effektives Anti-Doping-System. Scheinbar hat derzeit niemand eine Idee, wie es zu stemmen wäre.

Der Link-Tipp
Wer nicht an Doping in Teamsportarten – besonders: im Fußball – glaubt, lese bitte unbedingt den im Wortsinn ausgezeichneten Text von Thomas Kistner von 2007 aus dem SZ-Magazin. Pflichtlektüre zum Thema.

Nachtrag (Freitag, 10. 12. 2010): Ein umfassendes Dossier zum Thema Fußball und Doping gibt es auch bei Cycling4Fans, einer meiner Lieblingsseiten zum Thema Doping.

8 Responses to Doping im Fußball, Handball und Eishockey

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